Einsamkeit ist mehr als ein unangenehmes Gefühl. Sie ist ein Gesundheitsrisiko. Genau hier setzte Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch in seinem Vortrag auf dem Heiligenfeld Kongress 2026 in Bad Kissingen an: bei der Frage, warum Verbundenheit für unser körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden so zentral ist – und wie wir sie wieder stärken können.
Die Diagnose: Einsamkeit nimmt zu
Etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland fühlt sich zumindest manchmal einsam, Tendenz steigend. Weltweit zeigen Daten ebenfalls, dass Einsamkeit und soziale Isolation zunehmen. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt, doch sie ist nicht alleinige Ursache.
Im Jahr 2023 veröffentlichte der US-Chirurg General Dr. Vivek Murthy einen Bericht mit dem Titel „Our Epidemic of Loneliness & Isolation“, der auf eine Reihe beängstigender Trends in der Gesellschaft aufmerksam machte.
“Our epidemic of loneliness and isolation has been an underappreciated public health crisis that has harmed individual and societal health. Our relationships are a source of healing and well-being hiding in plain sight – one that can help us live healthier, more fulfilled, and more productive lives,” sagte U.S. Chirurg General Dr. Vivek Murthy. “Given the significant health consequences of loneliness and isolation, we must prioritize building social connection the same way we have prioritized other critical public health issues such as tobacco, obesity, and substance use disorders. Together, we can build a country that’s healthier, more resilient, less lonely, and more connected.” (U.S. Department of Health and Human Services, abgerufen am 20.04.2024)
Ein paar Statistiken, die mir aufgefallen sind:
- Die Zeit, die Teenager persönlich mit ihren Freunden verbringen, ist in den letzten zwei Jahrzehnten um 70 % zurückgegangen.
- 60 % der Erwachsenen geben an, dass sie sich nicht sehr mit anderen verbunden fühlen.
- Die Zahl der Männer, die angeben, keine engen Freunde zu haben, ist seit 1990 um das Fünffache gestiegen (15 % gegenüber 3 %).
Einsamkeit zeigt sich dabei in verschiedenen Formen: als Gefühl, allein zu sein, als innere Isolation oder als Erfahrung, zwar unter Menschen zu sein, sich aber nicht wirklich zugehörig zu fühlen.
Warum Einsamkeit krank machen kann
Aus medizinischer Sicht sind die Folgen deutlich.
„Zu den gesundheitlichen Folgen einer schlechten Verbindung gehören ein um 29 % erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, ein um 32 % erhöhtes Schlaganfallrisiko und ein um 50 % erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Darüber hinaus erhöht mangelnde soziale Bindung das Risiko eines vorzeitigen Todes um mehr als 60 %.“ (U.S. Department of Health and Human Services, abgerufen am 20.04.2024)

Der Bericht zeigt, dass ein Mangel an sozialen Kontakten gesundheitsschädlicher ist als Tabak- und Alkoholmissbrauch, Fettleibigkeit und mehr. Das Risiko eines vorzeitigen Todes durch soziale Isolation entspricht dem Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag und stellt einen noch höheren Einfluss auf die Sterblichkeit dar als ein Mangel an körperlicher Aktivität und Fettleibigkeit (Seite 4).
Wer sich sozial isoliert fühlt, hat ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Diabetes und Demenz. Auch die Sterblichkeit steigt messbar.
Einsamkeit ist also kein rein psychologisches oder soziales Thema. Sie wirkt bis in den Körper hinein.
Das Gegenmittel: Verbundenheit
Das Gegenbild zur Einsamkeit ist Verbundenheit. Sie beschreibt nicht nur Nähe zu anderen Menschen, sondern ein umfassenderes Eingebundensein: in Beziehungen, Generationen, Natur, Kultur, Heimat und Spiritualität.
Dr. Esch stellte dazu ein mehrdimensionales Modell. Die Grundfrage lautet: Womit fühlt sich ein Mensch verbunden?
Das Koordinatensystem der Verbundenheit / Coordinate System of Connectedness (CSC)
= 3 Achsen / 5 Dimensionen / 2 Ebenen
Horizontale Ebene (=soziale Ebene)
a) dorsale Dimension: Wer mich stützt und „hervorgebracht“ hat
b) frontale Dimension: Wem ich Vorbild bin, wen ich stütze und hervorgebracht habe
c) seitliche Dimension: Wegbegleiter*innen
→ dorsale und frontale Dimensionen bilden die Generativitätslinie (Vergangenheit – Zukunft)
→ beide seitlichen Dimensionen bilden die Präsenzlinie (soziale Präsenz)
Vertikale Ebene (=Transzendentale Ebene)
d) untere Dimension: Die Erde/der Boden, auf dem ich gehe/stehe
e) obere Dimension: der Raum über mir
→ untere & obere Dimension bilden zusammen die spirito-kulturelle Linie.
Quelle: Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch, Vortrag „(Un)Verbundenheit“ auf dem Heiligenfeld Kongress 2026, Bad Kissingen
Wenn die Mitte nicht mehr stimmt
Ein zentrales Bild des Vortrags war die Frage, ob die Achsen der Verbundenheit „in der Mitte“ zusammenfinden. Manche Menschen sind zwar in einzelnen Bereichen stark verbunden, aber nicht ausbalanciert. Andere leben, wie Dr. Esch mit James Joyce formulierte, „in der Nachbarschaft zu sich selbst“.
Dann stimmt äußerlich vielleicht vieles, innerlich fehlt aber Resonanz.
Genau hier kann das Modell helfen: Es zeigt, wo Verbundenheit fehlt und wo Coaching, therapeutische, beratende oder persönliche Arbeit ansetzen kann.
Achtsamkeit stärkt Verbundenheit
Ein wichtiger Teil des Vortrags widmete sich der Frage, ob Achtsamkeit Verbundenheit fördern kann. Die vorgestellten Daten aus einer großen Befragung erfahrener Meditierender deuten klar darauf hin.
Achtsamkeit stärkt besonders:
Selbstverbundenheit
Vor allem durch achtsames Sich-Selbst-Beobachten entsteht ein stärkerer Kontakt zu sich selbst.
Soziale Verbundenheit (mit anderen)
Besonders das Nicht-Beurteilen des Erlebten unterstützt die Fähigkeit, anderen Menschen offener zu begegnen.
Naturverbundenheit
Achtsame Wahrnehmung und nicht-reaktives Gewahrsein fördern das Gefühl, Teil der Natur zu sein.
Achtsamkeit bringt uns in Präsenz im Miteinander und mit etwas Höherem.
Zuhören (Deep Listening) als Praxis der Verbundenheit
Neben Achtsamkeit stellte Dr. Esch das Zuhören als weitere zentrale Praxis vor. In einem wissenschaftlich begleiteten Projekt „Zuhörräume“ wurden Räume geschaffen, in denen Menschen einfach erzählen konnten – ohne Therapie, ohne Bewertung, ohne Lösungsvorgabe.
Die Idee: Bürgerinnen und Bürger hören anderen Bürgerinnen und Bürgern zu.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Zuhören stärkt Verbundenheit, verbessert die Wahrnehmung eigener Gefühle, Stress nimmt ab und steigert das Glücksempfinden. Veränderung hin zu angenehmeren Gefühlen.
Weiterlesen: Warum Aktives Zuhören ein entscheidendes Führungsinstrument ist
Glück: Mehr als ein schöner Moment
Dr. Esch verband das Thema Verbundenheit mit der Glücksforschung. Glück sei ein Gefühl.
ABC Modell des Glücks
Typ A: Wanting, Pleasure
Lust, Befriedigung, haben wollen (Vorfreude), bekommen, erreichen
Glück: Hochmoment (Peak Moment), „kurz und heftig“ (es währt nicht lange)
Typ B: Threat / Avoidance (Relief = Erleichterung)
Bedrohung, Angst, Stress(vermeidung), >>Kampf / Flucht<<, Schmerz
Glück: „Unglück“ (Trauma) vermeiden
Typ C: Non-Wanting, Affiliation (Altruismus, Fürsorge)
Verbundenheit, Kohärenz, Sicherheit, Ruhe, Muße
SEIN → Achtsamkeit / Moment („wherever you go, there you are“)
Glück: Zufriedenheit, Freude – „tief und anhaltend“ (Glückseligkeit)
Quelle: Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch, Vortrag „(Un)Verbundenheit“ auf dem Heiligenfeld Kongress 2026, Bad Kissingen
Weiterlesen: Glück ist eine Entscheidung
Warum Verbundenheit gesund ist
Verbundenheit wirkt auf neurobiologischer Ebene. Positive soziale Erfahrungen, Meditation, Bewegung, Entspannung und sinnstiftendes Verhalten beeinflussen Stresshormone, Botenstoffe wie Oxytocin und biologische Prozesse bis hin zur Zellalterung.
Die vierte Dimension der Gesundheit
Verbundenheit – also das Erleben von Zugehörigkeit, Beziehung, Sinn und innerem Kontakt zu sich selbst und anderen – kann Kräfte aktivieren, die Gesundheit und Wohlbefinden fördern. Historisch wurde dies teilweise als „Aktivierung des inneren Arztes“ (→ SUBJEKT (Archaeus)) beschrieben. Der Begriff „Archaeus“ stammt aus älteren naturphilosophischen Vorstellungen (unter anderem aus der Medizintradition von Paracelsus) und bezeichnet eine heilende Kraft des Menschen.
Die Idee der Selbstheilung (= „subjektive Gesundheit“)
Selbstheilung bedeutet nicht, dass der Körper jede Erkrankung allein beseitigen kann. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit des Organismus, vorhandene Ressourcen zur Stabilisierung und Wiederherstellung von Gleichgewicht zu nutzen – beispielsweise Wundheilung, Anpassungsfähigkeit, Erholung oder Resilienz.
Manche sprechen hier von „subjektiver Gesundheit“: Menschen empfinden sich als gesund, wenn sie trotz Belastungen oder Einschränkungen innere Kraft, Handlungsmöglichkeiten und Lebensqualität erleben.
Fazit: Gesundheit braucht Verbundenheit.
Der Vortrag von Dr. Tobias Esch machte deutlich: Einsamkeit ist ein ernstzunehmender Gesundheitsfaktor. Verbundenheit dagegen kann schützen, stabilisieren und heilen.
Achtsamkeit, Zuhören, Sinn, Kultur, Natur, Spiritualität und tragende Beziehungen sind keine Nebenthemen der Medizin. Sie gehören in die Mitte eines erweiterten Gesundheitsverständnisses.


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