Warum Rückengesundheit, Beweglichkeit und innere Haltung eng miteinander verbunden sind
Unser Rücken trägt uns durchs Leben. Er ermöglicht Bewegung, gibt Stabilität und reagiert auf Belastungen. Doch was passiert, wenn Schmerzen unseren Alltag bestimmen? Welche Rolle spielen unsere Gewohnheiten, unsere innere Haltung und die Art, wie wir uns bewegen?
In seinem ebenso unterhaltsamen wie praxisnahen Vortrag „Haltung zeigen und bewahren – was der Rücken sagen will“ zeigte Albert Jakob, seit über 40 Jahren Physiotherapeut, Osteopath und Dozent, wie eng körperliche Gesundheit, Beweglichkeit und Lebensqualität miteinander verknüpft sind.
Seine zentrale Botschaft: Wir sollten nicht erst dann auf unseren Körper hören, wenn er Schmerzen verursacht. Viel wichtiger ist es, seine Signale frühzeitig wahrzunehmen und Bewegung bewusst in unseren Alltag zu integrieren.
Körper und Geist: Warum unsere Haltung mehr beeinflusst, als wir denken
Körper und Psyche stehen in einer Wechselbeziehung. Wer Schmerzen hat, kennt das: Die Konzentration lässt nach, die Geduld wird geringer und selbst alltägliche Aufgaben können zur Herausforderung werden.
Albert Jakob veranschaulichte dies mit einem einfachen Beispiel: Stellen wir uns vor, wir hätten einen kleinen Kieselstein im Schuh. Schon dieser minimale Reiz verändert unser Gangbild. Wir bewegen uns anders, um den unangenehmen Druck zu vermeiden.
Ähnliches geschieht bei Rückenschmerzen. Unser Körper entwickelt Schonhaltungen. Bewegungen werden vermieden oder verändert.
Doch Schmerzen beeinflussen nicht nur unsere Bewegungen. Sie können auch unsere Stimmung, unsere Leistungsfähigkeit und unser Verhalten gegenüber anderen Menschen verändern.
Gerade für Führungskräfte ist diese Erkenntnis relevant. Wie gehen wir in eine Besprechung, wenn wir Schmerzen haben, schlecht geschlafen haben oder bereits gestresst sind? Und wie begegnen wir unseren Mitarbeitenden, wenn wir uns körperlich wohlfühlen und voller Energie sind? Damit wird Rückengesundheit auch zu einem Thema der Selbstführung.
Schmerz ist ein Signal – nicht nur ein Symptom
Eine zentrale Frage zog sich durch den Vortrag: Warum treten Beschwerden gerade jetzt auf?
Albert Jakob plädierte dafür, Schmerzen nicht ausschließlich anhand bildgebender Verfahren wie MRT oder Röntgen zu betrachten, sondern immer auch die individuelle Lebensgeschichte und aktuelle Belastungssituation einzubeziehen.
Warum schmerzt plötzlich die rechte Schulter? Warum macht sich der Rücken nach vielen beschwerdefreien Jahren bemerkbar? Welche Veränderungen im Alltag könnten eine Rolle spielen?
Schmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Neben strukturellen Veränderungen kommen beispielsweise Bewegungsmangel, Überlastung, Stress und psychosoziale Faktoren infrage.
Entscheidend ist deshalb eine ganzheitliche Betrachtung, die körperliche Befunde ebenso berücksichtigt wie das persönliche Umfeld und die individuellen Gewohnheiten. Dabei gilt: Nicht jeder Schmerz hat eine psychische Ursache, und anhaltende oder neue Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.
Was wir vom Spitzensport für unseren Rücken lernen können
Albert Jakob verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Betreuung von Spitzensportlern. Unter anderem arbeitete er im Eishockey, Basketball und bei internationalen Sportveranstaltungen.
Er zog einen interessanten Vergleich zur Formel 1. Im Motorsport werden zahlreiche Komponenten präzise aufeinander abgestimmt. Erkenntnisse aus dem Rennsport fließen später in die Entwicklung gewöhnlicher Fahrzeuge ein.
Ähnlich verhält es sich mit dem Spitzensport. Was dort über Bewegung, Regeneration und körperliche Leistungsfähigkeit gelernt wird, kann auch für Menschen außerhalb des professionellen Sports wertvoll sein.
Denn unabhängig davon, ob wir Leistungssport betreiben oder hauptsächlich am Schreibtisch arbeiten: Wir verfügen über dieselben grundlegenden körperlichen Strukturen – Gelenke, Muskeln, Sehnen und eine Wirbelsäule, die Bewegung benötigt.
Die wichtigste Erkenntnis: Unser Körper ist nicht dafür gemacht, über viele Stunden in derselben Position zu verharren.
Beweglichkeit vor Kraft: Warum Rückentraining allein nicht ausreicht
Wer Rückenschmerzen hat, bekommt häufig den Ratschlag, seine Rückenmuskulatur zu kräftigen. Doch Albert Jakob lenkte den Blick auf einen weiteren entscheidenden Faktor: die Beweglichkeit. Seine These lautet: Mobilität ist eine wichtige Voraussetzung für funktionelle Kraft. Denn Muskeln und Gelenke müssen zusammenarbeiten. Sind bestimmte Bewegungsrichtungen stark eingeschränkt, kann ein ausschließlich auf Kraft ausgerichtetes Training zu kurz greifen. Er betonte deshalb die Bedeutung dreidimensionaler Bewegungen. Unser Körper bewegt sich nicht nur nach vorne und hinten, sondern auch seitwärts und in Rotationen. Ein abwechslungsreiches Training sollte diese unterschiedlichen Bewegungsrichtungen berücksichtigen.
Der Bürostuhl als Trainingsgerät
Besonders anschaulich wurde der Vortrag, als Albert Jakob zeigte, wie wir selbst während eines langen Arbeitstages etwas für unseren Rücken tun können.
Seine Botschaft: Es braucht nicht immer ein Fitnessstudio, aufwendige Trainingsgeräte oder eine zusätzliche Stunde Sport. Bereits kleine, regelmäßig ausgeführte Bewegungen können helfen, lange Sitzphasen zu unterbrechen.
Ein Beispiel aus seinem Vortrag war das bewusste Aufrichten und Hochdrücken aus dem Bürostuhl mithilfe der Armlehnen. Er empfahl, solche Bewegungen mehrmals über den Arbeitstag verteilt zu wiederholen.
Auch die Sitzposition selbst spielte eine wichtige Rolle. Statt dauerhaft zusammengesunken zu sitzen, sollten wir immer wieder unsere Haltung verändern und den Oberkörper aufrichten. Dabei geht es nicht darum, den ganzen Tag eine vermeintlich perfekte Haltung einzunehmen. Die beste Haltung ist häufig die nächste Haltung – weil regelmäßiger Positionswechsel wichtiger ist als starres Verharren.
Stehen ist nicht automatisch gesünder als Sitzen
Höhenverstellbare Schreibtische sind mittlerweile in vielen Unternehmen selbstverständlich. Doch auch hier warnte Albert Jakob vor einem verbreiteten Missverständnis: Nur weil wir stehen, bewegen wir uns noch lange nicht gesund. Wer stundenlang nahezu unbeweglich vor seinem Schreibtisch steht, ersetzt lediglich eine statische Position durch eine andere.
Er empfahl deshalb, auch beim Stehen auf Abwechslung zu achten. Eine Möglichkeit ist die Schrittstellung, bei der ein Fuß etwas vor dem anderen steht.
Als anschauliches Beispiel nannte er die Fußablagen an den Tresen traditioneller englischer und irischer Pubs. Sie ermöglichen es, ein Bein abzustellen und die Körperposition zu verändern. Für den Büroalltag bedeutet das:
- Regelmäßig zwischen Sitzen, Stehen und Gehen wechseln.
- Immer wieder aufstehen und kurze Bewegungspausen einlegen.
- Die Körperposition bewusst verändern.
- Beweglichkeit und Kraft gleichermaßen trainieren.
- Frühzeitig auf körperliche Beschwerden reagieren.
Nicht die eine perfekte Körperhaltung ist entscheidend, sondern ein bewegungsreicher Alltag.
Die unterschätzte Bedeutung des Zwerchfells
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war das Zwerchfell. Dieser große Muskel ist wesentlich an unserer Atmung beteiligt. Er trennt Brust- und Bauchraum und bewegt sich mit jedem Atemzug.
Albert Jakob machte deutlich, wie wichtig eine funktionierende Atmung für unseren Organismus ist. Das Zwerchfell arbeitet nicht nur als zentraler Atemmuskel, sondern beeinflusst auch die Druckverhältnisse im Bauchraum und wirkt an der Rumpfstabilisierung mit. Gezielte Atemübungen können helfen, die Zwerchfellbewegung wahrzunehmen und eine ruhigere, tiefere Atmung zu fördern.
Gerade unter Stress atmen viele Menschen schneller oder flacher. Bewusstes Atmen kann deshalb eine wertvolle Ergänzung zur körperlichen und mentalen Selbstregulation sein.
Fünf Impulse für einen rückenfreundlicheren Alltag
Aus dem Vortrag lassen sich fünf praktische Anregungen mitnehmen:
- Bewegung statt Dauerhaltung. Vermeide langes unbewegliches Sitzen oder Stehen. Verändere regelmäßig deine Position.
- Beweglichkeit erhalten. Integriere Übungen, die unterschiedliche Bewegungsrichtungen deiner Wirbelsäule und Gelenke ansprechen.
- Kraft und Mobilität verbinden. Eine kräftige Muskulatur ist wichtig. Ebenso wichtig ist, dass Gelenke ihre funktionelle Beweglichkeit behalten.
- Atmung bewusst einsetzen. Nutze kurze Atempausen.
- Auf Warnsignale hören. Nimm wiederkehrende Schmerzen ernst und hinterfrage sowohl körperliche Belastungen als auch Stress und Gewohnheiten.
Fazit: Haltung beginnt mit Aufmerksamkeit
Der Vortrag von Albert Jakob machte deutlich, wie viel Einfluss unsere täglichen Gewohnheiten auf unser körperliches Wohlbefinden haben können. Wir investieren viel Zeit in berufliche Ziele, persönliche Entwicklung und Leistungsverbesserung, -optimierung. Gleichzeitig übersehen wir manchmal etwas Grundlegendes: die Bedürfnisse unseres eigenen Körpers.
Für mich verbindet sich damit auch ein wichtiger Gedanke aus dem Mentaltraining: Mentale Stärke bedeutet nicht, Schmerzen zu ignorieren, Belastungen dauerhaft auszuhalten oder immer weiterzumachen. Mentale Stärke zeigt sich auch darin, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, Verantwortung für die Gesundheit zu übernehmen und rechtzeitig gegenzusteuern.
Körperliche und mentale Leistungsfähigkeit sind keine Gegensätze. Sie beeinflussen sich gegenseitig.
Vielleicht sollten wir uns deshalb häufiger die Fragen stellen: Wie bewege ich mich eigentlich durch meinen Alltag? Welche Signale sendet mir mein Körper? Und was kann ich heute verändern, damit ich langfristig gesund, beweglich und leistungsfähig bleibe?
Denn Haltung zeigen bedeutet nicht nur, für die eigenen Werte einzustehen. Haltung bewahren bedeutet auch, gut mit sich selbst und seinem Körper umzugehen.
© Ihre Antje Heimsoeth
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