Zwischen Jammern und Dankbarkeit: Wie bewusst leben wir unseren Wohlstand?

Zwischen Jammern und Dankbarkeit: Wie bewusst leben wir unseren Wohlstand?

Warum es Zeit wird, den Blick wieder auf das zu richten, was wir haben – statt ständig auf das, was uns fehlt. Von Antje Heimsoeth

Eine warme Wohnung bzw. Zimmer. Eine funktionierende Heizung. Toilette in der Wohnung. Straßen, auf denen wir fahren gut können. Eine Infrastruktur, die funktioniert. Wie selbstverständlich ist das alles für uns geworden?

Wir diskutieren über steigende Preise, darüber, was wir uns nicht mehr leisten können, was uns fehlt und was alles schlechter geworden ist.
Natürlich gibt es auch in Deutschland Menschen, die jeden Euro umdrehen müssen. Menschen, die finanzielle Sorgen haben und für die steigende Lebenshaltungskosten eine echte Belastung darstellen. Das möchte ich keineswegs kleinreden.

Aber manchmal frage ich mich: Haben wir bei all unseren Diskussionen und unserem ständigen Jammern den Blick dafür verloren, in welchem Wohlstand wir tatsächlich leben?

Meine Reise durch Chile, Bolivien und Peru hat mir noch einmal eindrücklich vor Augen geführt, wie wenig selbstverständlich vieles ist, was wir tagtäglich nutzen. Und sie hat meine eigene Perspektive auf Wohlstand, Dankbarkeit und Lebenszufriedenheit verändert.

Famingo Schutzgebiet in der Atacama-Wüste

Famingo Schutzgebiet in der Atacama-Wüste

Eine Reise, die meinen Blick auf Wohlstand verändert hat

Ich war im August / September 2026 in Chile, Bolivien und Peru unterwegs. Eine fantastische, facettenreiche, unvergessliche Reise durch beeindruckende Landschaften, faszinierende Kulturen und eine Welt, die sich in vielerlei Hinsicht von unserem Alltag in Deutschland unterscheidet.

Unfassbar: Ein Puma vor uns.

Unfassbar: Ein Puma vor uns.

Besonders die Erlebnisse in Bolivien haben mich nachdenklich gemacht. Zwei Nächte verbrachte ich in einem wirklich guten Hotel in der Nähe von Uyuni, direkt am Rand des Salzsees. Nachts sanken die Temperaturen auf minus acht Grad. Die Heizungen waren tagsüber ausgeschaltet. Nicht etwa, weil es warm gewesen wäre. Sondern weil Heizen schlicht zu teuer ist. Am Abend wurde die Heizung eingeschaltet, allerdings nur sehr zurückhaltend. Mein etwas größeres Hotelzimmer wurde überhaupt nicht richtig warm. Also schlief ich mit zwei Pullovern, manchmal zusätzlich mit einer Jacke. Beim Abendessen saßen wir alle mit Jacken am Tisch. Warm war uns trotzdem nicht. Auch das Servicepersonal trug Jacken. In den Öfen flackerte zwar ein Feuer, das für eine gemütliche Atmosphäre sorgte. Mit tatsächlicher Wärme hatte das allerdings wenig zu tun. Und während ich dort saß, musste ich daran denken, wie selbstverständlich es für mich zu Hause ist, einfach die Heizung aufzudrehen.

Wir leben im Wohlstand. Aber wissen wir ihn überhaupt noch zu schätzen?

Wohlstand bedeutet nicht, dass jeder reich ist

In meinen Vorträgen sage ich immer wieder: „Wir leben im Wohlstand.“ Darauf bekomme ich manchmal sofort Widerspruch. „Ja, aber es gibt doch bei uns arme Menschen!“ „So kann man das nicht sagen!“ Doch. Nach meiner Reise sage ich es noch überzeugter: Wir leben im Wohlstand.

Wohlstand bedeutet nicht, dass jeder reich ist. Er bedeutet auch nicht, dass es keine Sorgen, keine finanziellen Engpässe und keine Ungerechtigkeiten gibt. Aber vieles, was für uns selbstverständlich geworden ist, ist es eben nicht überall auf der Welt. Eine warme Wohnung. Eine Heizung, die man einfach aufdrehen kann. Toilette in der Wohnung. Asphaltierte Straßen. Fertig gebaute Gebäude. Eine funktionierende Infrastruktur. All das bekommt plötzlich einen anderen Wert, wenn man erlebt, dass es eben nicht selbstverständlich ist.

Und genau deshalb sollten wir uns gelegentlich die Frage stellen: Beschäftigen wir uns eigentlich noch ausreichend mit dem, was wir haben? Oder konzentrieren wir uns überwiegend darauf, was uns fehlt?

Uyuni: Wenn das eigene Verständnis von Normalität ins Wanken gerät

Eindrücklich war für mich war auch unsere Fahrt durch Uyuni. Unsere Reiseleiterin hatte die Stadt als modern und mit breiten Straßen beschrieben. Die Straßen waren tatsächlich breit. Aber mein Verständnis von „modern“ war nach dieser Fahrt ein anderes. Die Straßen, auf denen wir unterwegs waren, waren unbefestigt. Weil es dort sehr wenig regnet, staubte es unglaublich stark. Teilweise war so viel Staub in der Luft, dass wir das Auto vor uns kaum noch erkennen konnten. Überall sah ich Ziegelbauten. Viele wirkten begonnen, aber nicht fertiggestellt. Manchmal standen nur Mauern. Manche Gebäude sahen aus, als würde irgendwann vielleicht noch weitergebaut werden.

Ich schaute aus dem Jeep und dachte: Hier könnte ich nicht leben. Ich glaube, mir würde diese Umgebung auf Dauer psychisch sehr zusetzen. Und gleichzeitig leben dort Menschen. Sie arbeiten dort, ziehen ihre Kinder groß, treffen Freunde, lachen, feiern und gestalten ihr Leben.

Auch das gehört für mich zum Perspektivwechsel dieser Reise.

Mir wurde noch einmal bewusst, wie sehr mein eigenes Verständnis von Lebensqualität durch die Bedingungen geprägt ist, unter denen ich in Deutschland lebe. Manchmal erkennen wir den Wert dessen, was wir haben, erst dann, wenn wir erleben, dass es für andere Menschen keineswegs selbstverständlich ist.

Jammern oder gestalten? Die innere Einstellung macht den Unterschied

Als Performance Mental Coach beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, welche Rolle unsere innere Einstellung spielt. Im Spitzensport ebenso wie im Business und in unserem persönlichen Leben.

Der ehemalige Liverpool-Trainer Jürgen Klopp nominierte seinen ersten Kader für die bevorstehende Länderspielpause. Dieser umfasst 44 Spieler, die in zwei Gruppen aufgeteilt werden.

Für noch mehr Schlagzeilen sorgten allerdings seine Äußerungen zur Politik. Bei seiner ersten Kadernominierung als deutscher Bundestrainer äüßerte sich Jürgen Klopp auch zur politischen Lage in Deutschland.

Wer Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz zugehört hat, der hat nicht nur Worte über Fußball gehört. Er hat gespürt, woran es uns in den letzten Jahren so oft gefehlt hat: Echte Haltung, Mut zur Aufbruchsstimmung und der unerschütterliche Glaube an das, was möglich ist, wenn man gemeinsam nach vorne blickt.

Nicht zuerst darauf schauen, was wir nicht haben, sondern darauf, was wir haben. Genau diese Haltung wünsche ich mir auch für unseren Alltag. Natürlich dürfen wir Probleme benennen. Natürlich dürfen wir uns über Missstände ärgern, Schwierigkeiten ansprechen und Veränderungen einfordern. Aber wenn wir uns ausschließlich damit beschäftigen, was alles nicht funktioniert, was schlecht ist und was uns fehlt, verlieren wir irgendwann den Blick auf das, was möglich ist.

Aus meiner Sicht müssen wir aufhören, uns im Jammern zu verlieren, und wieder anfangen, mit Energie, Lebensfreude und einer klaren Haltung Zukunft zu gestalten. Nicht rückwärtsgewandt, sondern mit dem Blick nach vorn. Nicht immer nur fragen, was schiefgehen könnte, sondern überlegen, wie wir Herausforderungen anpacken können. Nicht ausschließlich die Defizite sehen, sondern auch unsere Möglichkeiten erkennen.

Für mich ist Jürgen Klopp ein Leader. Ein unglaublicher Coach – und zwar weit über den Fußball hinaus. Danke für diese Pressekonferenz. Für die Worte. Für die Haltung. Und für diesen Gänsehautmoment!

Jammern allein verändert nichts. Entscheidend ist, was wir aus einer Situation machen.

Gerade im Spitzensport erlebe ich immer wieder, welche Bedeutung die innere Einstellung hat. Es geht nicht darum, Schwierigkeiten zu ignorieren. Es geht darum, den eigenen Blick nicht ausschließlich auf die Schwierigkeiten zu richten.

Diese Haltung können wir auch auf unser persönliches Leben übertragen.

  • Was funktioniert bereits gut?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Welche Möglichkeiten habe ich?
  • Und was kann ich selbst dazu beitragen, dass sich etwas verändert?

Dankbarkeit bedeutet nicht, dass wir uns mit allem zufriedengeben müssen

Eines ist mir besonders wichtig: Dankbarkeit bedeutet nicht, dass wir keine Wünsche und Ziele mehr haben dürfen. Sie bedeutet auch nicht, dass wir bestehende Probleme hinnehmen oder uns mit allem zufriedengeben müssen. Wir können dankbar für das sein, was wir haben, und gleichzeitig daran arbeiten, Dinge zu verbessern.

Weiterlesen: 7 Gründe, warum Dankbarkeit sich lohnt – Mental Hacks

Wir können unseren Wohlstand wertschätzen und trotzdem erkennen, dass nicht alle Menschen gleichermaßen daran teilhaben.

Und wir können uns über eine warme Wohnung, eine funktionierende Heizung oder eine heiße Dusche freuen, ohne die Sorgen anderer Menschen kleinzureden.

Für mich geht es um eine bewusste Entscheidung, worauf ich meinen Blick richte.
Auf das, was fehlt? Oder auch auf das, was bereits da ist?
Auf die Schwierigkeiten? Oder auch auf die Möglichkeiten?
Auf das, was nicht funktioniert? Oder auch auf das, was gut funktioniert?

Dankbarkeit und der Wunsch nach Veränderung schließen sich nicht aus.


Passender Podcast: Wie ich Dankbarkeit zeigen kann

Podcast Antje HeimsoethNutzen Sie den Link zum Podcast bei Apple Podcasts, um keine Folge zu verpassen: https://apple.co/3wifmXd
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Wir brauchen nicht immer noch mehr

Ein Gedanke meiner Reise durch Bolivien begleitet mich bis heute. Vielleicht braucht es manchmal gar nicht mehr. Nicht noch mehr Komfort. Nicht noch mehr Besitz. Sondern zwischendurch einfach die Erinnerung daran, was bereits da ist. Eine warme Wohnung. Eine funktionierende Heizung. Straßen ohne Staub. Eine heiße Dusche. Und die Freiheit, vieles davon so selbstverständlich nutzen zu können, dass wir normalerweise überhaupt nicht mehr darüber nachdenken.

Ich besitze selbst keine Immobilie. Und trotzdem weiß ich meinen Wohlstand zu schätzen. Denn für mich zeigt sich Wohlstand nicht ausschließlich darin, wie viel jemand besitzt. Manchmal zeigt er sich gerade in den Dingen, über die wir überhaupt nicht mehr nachdenken, weil sie für uns zum Alltag gehören.

Mein Fazit: Weniger jammern. Mehr wertschätzen. Mehr gestalten.

Meine Reise durch Chile, Bolivien und Peru hat mich in vielerlei Hinsicht bereichert. Besonders aber hat sie meinen Blick auf unser Leben in Deutschland verändert. Ich möchte mir diese Dankbarkeit für das vermeintlich Selbstverständliche bewahren.

Weiterlesen: Dankbarkeits-Tagebuch: Wie tägliche Dankbarkeit dein Glück und deine Perspektive verändert

Ich wünsche mir, dass wir uns wieder häufiger bewusst machen, was wir haben, statt uns ausschließlich damit zu beschäftigen, was uns fehlt.

Dass wir Probleme nicht nur beklagen, sondern mit Energie und Zuversicht nach Lösungen suchen.
Dass wir unseren Wohlstand nicht als selbstverständlich betrachten.

Und dass wir bei allen berechtigten Sorgen und Herausforderungen die Lebensfreude nicht verlieren.

Weniger jammern. Mehr wertschätzen. Mehr gestalten.

Vielleicht beginnt genau damit ein Perspektivwechsel, den wir dringend brauchen. Und vielleicht sollten wir uns heute Abend, wenn wir in unserer warmen Wohnung sitzen und ganz selbstverständlich die Heizung aufdrehen, einen Moment Zeit nehmen. Nicht, um darüber nachzudenken, was uns noch alles fehlt. Sondern um wahrzunehmen, was wir bereits haben. Denn Wohlstand ist nicht selbstverständlich.

©Antje Heimsoeth

Ihre Autorin Antje Heimsoeth

Antje Heimsoeth

       

Über die Autorin

Antje Heimsoeth zählt zu den führenden Expertinnen für mentale Stärke, Motivation, Performance, Leistung, Selbstführung und mentale Gesundheit. Seit mehr als 25 Jahren begleitet die Unternehmerin, Mental- und Performance-Coach Unternehmen, Führungskräfte, Teams und internationale Spitzensportler. Mehrfach ausgezeichnete Keynote-Speakerin (Speaker des Jahres 2021, „Vortragsrednerin des Jahres 2014“).

Antje ist 15-fache Buchautorin und veröffentlicht unter anderem bei Haufe, C.H. Beck und Springer Gabler. Als Expertin ist sie regelmäßig in TV, Radio, Podcasts und Printmedien präsent. FOCUS bezeichnete sie als „renommierteste Motivationstrainerin Deutschlands“. Das renommierte Erfolg Magazin aus dem Backhaus Verlag zählt Antje zu den 500 bedeutendsten Persönlichkeiten der Erfolgswelt. Ende 2019 wurde sie zum Senat der Wirtschaft berufen und ist so Teil eines exklusiven Kreises von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Sie bildet heute Coaches und Trainer*innen aus, die ihre Inhalte und mentalen Tools auf der ganzen Welt vermitteln.

Gastrednerin an Hochschulen in Deutschland.
Mit ihren Büchern, Vorträgen und Medienbeiträgen hat sie bereits mehr als 850.000 Menschen erreicht.

Frau Heimsoeth versteht es, mit ausdrucksstarken Zitaten und Bildern und vielen persönlichen Beispielen, unter anderem aus dem Sport, Ihre Aussagen ganz klar auf den Punkt zu bringen, einfach und verständlich. Sie vermittelt klare Botschaften. Was ihr besonders am Herzen liegt: Respekt, Vertrauen, Wertschätzung, warme Menschlichkeit.

Mehr über Antje Heimsoeth:
👉 Vorträge und Publikationen
👉 Ausbildungen und Seminare der Heimsoeth Academy
👉 Podcast: „Mentale Stärke | Performance | Resilienz | Mentale Gesundheit“

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