Führung im Spitzensport: Was Markus Gaugisch über Kommunikation, Veränderung und Selbstreflexion sagt

Führung im Spitzensport: Was Markus Gaugisch über Kommunikation, Veränderung und Selbstreflexion sagt (Bild AI)

Markus Gaugisch, Bundestrainer der deutschen Frauen-Handballnationalmannschaft, stellte in seinem Vortrag beim Internationalen Trainerkongress v. 27.07. – 29.07.2026 in Mainz Führung nicht als starres Konzept, sondern als fortlaufenden Lern- und Entwicklungsprozess dar. Seine zentrale Botschaft: Erfolgreiche Führung beginnt bei der eigenen Haltung, zeigt sich in der täglichen Kommunikation und verlangt die Bereitschaft, das eigene Verhalten immer wieder kritisch zu überprüfen.

Führung braucht Begeisterung und innere Überzeugung

Für Gaugisch müssen Führungskräfte selbst für ihre Aufgabe brennen. Nur wer von einer Idee überzeugt ist und sich mit vollem Einsatz für sie engagiert, kann andere Menschen mitnehmen und inspirieren. Führung bedeutet für ihn deshalb nicht nur, Ziele vorzugeben, sondern Energie, Leidenschaft und Orientierung auszustrahlen.

Trainerinnen und Trainer sollen authentisch sein, Interesse zeigen, inspirieren, entwickeln, wertschätzen und zugleich konstruktiv kritisieren. Die Grundlage dafür ist Kommunikation.

Weiterlesen: Was macht einen guten Trainer aus?

Kommunikation findet nicht nur im Gespräch statt

Kommunikation beschränkt sich nach Gaugisch nicht auf formelle Einzelgespräche. Sie findet permanent statt: im Training, bei einer Korrektur, durch Lob & Anerkennung, durch Körpersprache, durch Entscheidungen und auch durch das Verhalten der Führungskraft in Drucksituationen.

Weiterlesen: Kommunikation ist der Schlüssel

Entscheidend ist nicht allein, was eine Trainerin oder ein Trainer ausdrücken möchte, sondern was beim Gegenüber tatsächlich ankommt. Spielerinnen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Persönlichkeiten, Erwartungen und Sozialisationen mit. Dieselbe Aussage kann deshalb von verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

Wirksame Führung verlangt daher kommunikative Sensibilität: Wie spreche ich mit welcher Spielerin? Was braucht sie in der jeweiligen Situation? Und wie wird mein Verhalten von ihr interpretiert?

Es gibt keinen allgemeingültigen Führungsstil

Gaugisch spricht sich gegen die Vorstellung eines einzigen „richtigen“ Führungsstils aus. Führung müsse flexibel und situationsbezogen sein. Sie hängt von der Zusammensetzung der Mannschaft, der jeweiligen Spielerin, dem sportlichen Kontext und nicht zuletzt vom eigenen Zustand als Trainer ab.

Auch die Führungskraft selbst handelt nicht jeden Tag gleich. Stress, Enttäuschung oder Ärger können die Selbstkontrolle beeinträchtigen und sich unmittelbar auf die Mannschaft auswirken. Für Gaugisch gehört es deshalb zur Führungsverantwortung, die eigene Wirkung wahrzunehmen und das eigene Verhalten bewusst zu steuern.

Gute Führung braucht ein starkes Führungsteam

Eine weitere wichtige Erkenntnis seines Trainerweges ist die Bedeutung eines kompetenten und vertrauensvollen Trainer- und Betreuerstabes. Gaugisch betont, wie wichtig es sei, sich mit guten Menschen zu umgeben, die hohe Standards erfüllen, Verantwortung übernehmen und eigene Perspektiven einbringen.

Ein gutes Führungsteam besteht für ihn nicht aus Personen, die der verantwortlichen Führungskraft immer zustimmen. Es braucht vielmehr Menschen, die widersprechen, kritische Fragen stellen und den Mut haben, unangenehme Dinge anzusprechen. Solche Auseinandersetzungen können emotional werden, sind aber wertvoll, wenn sie anschließend zu Reflexion und besseren Entscheidungen führen.

Führung bedeutet in diesem Sinne nicht, alles selbst zu wissen. Sie bedeutet, unterschiedliche Kompetenzen zu verbinden, Kritik auszuhalten und die Qualität gemeinsamer Entscheidungen zu erhöhen.

Gemeinsame Ziele brauchen wirklich ein gemeinsames Zielverständnis

Am Beispiel der Olympischen Spiele in Paris zeigte Gaugisch, wie problematisch eine unzureichend abgestimmte Zieldefinition werden kann. Zwar hatten Trainerteam und Spielerinnen das gemeinsame Ziel Olympia erreicht. Doch anschließend bestanden unterschiedliche Erwartungen darüber, was dort erreicht werden sollte.

Gaugisch selbst dachte stark an eine Medaille. Einige Spielerinnen verbanden möglicherweise andere Vorstellungen mit der Teilnahme. Es gelang nicht ausreichend, aus den individuellen Träumen, Erwartungen und Bedürfnissen ein gemeinsames Zielverständnis zu entwickeln.

Die häufige Fokussierung auf die Medaille erzeugte zusätzlichen Ergebnisdruck. Der Blick auf das gewünschte Resultat überlagerte teilweise die Frage, welche konkreten Leistungen und Handlungen dafür notwendig waren.

Seine spätere Konsequenz lautete: Weniger über Medaillen sprechen und stärker über die nächste Aufgabe, konkrete Handlungen und beeinflussbare Leistungsziele.


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Führung zeigt sich im Umgang mit Misserfolgen

Nach den enttäuschenden Ergebnissen bei den Olympischen Spielen und der anschließenden Europameisterschaft stand Gaugisch vor einer klassischen Führungsentscheidung: resignieren, der Mannschaft die Verantwortung zuschreiben oder selbst in die Veränderung gehen.

Er entschied sich für Veränderung. Dabei stellte er nicht nur die sportliche Strategie, sondern auch seine eigene Führung infrage. Gerade diese Bereitschaft zur Selbstreflexion bildet einen Kern seines Führungsverständnisses.

Eine Führungskraft müsse erkennen, wann bisherige Vorgehensweisen nicht mehr ausreichen. Wer bessere Ergebnisse erwartet, kann nicht dauerhaft auf dieselben Methoden und Tools setzen. Veränderung ist jedoch mit Unsicherheit und Risiko verbunden. Führung verlangt deshalb Mut: den Mut, Strukturen zu verändern, neue Rollen zu schaffen, Verantwortung abzugeben und unbekannte Wege auszuprobieren.

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Verantwortung innerhalb der Mannschaft stärken

Nach den sportlichen Rückschlägen veränderte Gaugisch unter anderem die Mannschafts- und Führungsstruktur. Kapitäninnenrollen und interne Hierarchien wurden neu geordnet und gegenüber den Spielerinnen transparent begründet.

Ziel war es, die interne Steuerung der Mannschaft zu verbessern. Zuvor gingen viele Impulse vom Bundestrainer aus. Künftig sollten Spielerinnen stärker untereinander kommunizieren, Konflikte selbst ansprechen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig führen.

Damit veränderte sich das Führungsmodell: weg von einer stark trainerzentrierten Steuerung und hin zu mehr geteilter Verantwortung. Die Mannschaft sollte nicht ausschließlich auf Vorgaben von außen reagieren, sondern selbst handlungs- und entscheidungsfähiger werden.

Veränderungen müssen nachvollziehbar erklärt werden

Auch taktische Innovationen verstand Gaugisch als Führungsaufgabe. Neue Spielsysteme können nicht einfach angeordnet werden. Die Spielerinnen müssen verstehen, warum eine Veränderung notwendig ist und welchen Nutzen sie hat. Gaugisch untermauerte neue Ansätze deshalb mit statistischen Daten, Videomaterial und konkreten Beispielen. Er versuchte, den Spielerinnen die Logik hinter der Veränderung zu vermitteln und Vertrauen in einen zunächst ungewohnten Weg aufzubauen.

Die Aufgabe der Führungskraft besteht demnach nicht nur darin, eine fachlich richtige Entscheidung zu treffen. Sie muss diese Entscheidung so kommunizieren, dass Menschen bereit sind, ihr zu folgen und auch in unsicheren Situationen an dem neuen Weg festzuhalten.

Führung bedeutet, den Menschen hinter der Spielerin zu sehen

Gaugisch machte deutlich, dass moderne Führung über die sportliche Rolle hinausgehen muss. Trainerinnen und Trainer müssen sich stärker mit dem Menschen hinter der Athletin beschäftigen.

Weiterlesen: Menschliche Führungskräfte

Gerade in einer Nationalmannschaft ist die gemeinsame Trainingszeit begrenzt. Umso wichtiger ist es, auch außerhalb der Lehrgänge Beziehungen aufzubauen, Persönlichkeiten besser zu verstehen und individuelle Bedürfnisse wahrzunehmen.

Individualisierung bedeutet dabei nicht, für jede Spielerin völlig unterschiedliche Regeln aufzustellen. Es bedeutet, Menschen differenziert anzusprechen, ihre Voraussetzungen zu berücksichtigen und ihnen die Unterstützung zu geben, die sie für ihre Entwicklung benötigen.

Die wichtigste Veränderung begann bei ihm selbst

Auf die Frage nach seiner wichtigsten persönlichen Veränderung nannte Gaugisch vor allem die stärkere Konzentration auf den Weg zur Bestleistung. Sein Ziel sei weiterhin ambitioniert. Er habe jedoch gelernt, dieses Ziel stärker in konkrete Handlungen zu übersetzen und die Spielerinnen intensiver mitzunehmen.

Zudem erkannte er, dass seine eigene Unnahbarkeit teilweise stärker wahrgenommen wurde, als ihm bewusst gewesen war. Diese Rückmeldung anzunehmen, sei mitunter schmerzhaft, aber notwendig gewesen.

Damit formuliert Gaugisch eine zentrale Führungsbotschaft: Führungskräfte müssen bereit sein, sich selbst als Teil des Problems und damit auch als Teil der Lösung zu betrachten.

Zentrale Führungsprinzipien aus dem Vortrag

Markus Gaugischs Erfahrungen lassen sich in einem Führungsverständnis zusammenfassen, das von Leidenschaft, Anpassungsfähigkeit und Selbstreflexion geprägt ist:
Führung beginnt mit eigener Überzeugung und sichtbarem Engagement. Sie wird durch Kommunikation wirksam und muss sich an Menschen und Situationen anpassen. Gute Führungskräfte umgeben sich mit kompetenten Personen, die ihnen ehrlich widersprechen. Sie schaffen gemeinsame Zielklarheit, fördern Verantwortung im Team und erklären Veränderungen nachvollziehbar.

Vor allem aber sind sie bereit, nach Rückschlägen nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu hinterfragen. Genau darin liegt die vielleicht wichtigste Botschaft seines Vortrags: Führung bedeutet nicht, immer die richtige Antwort zu haben. Führung bedeutet, lernfähig zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit dem Team den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.

Weiterlesen: Ein positiver Leader I Positive Leadership

Quellen- und Transparenzhinweis
Grundlage dieses Beitrags ist der Vortrag von Markus Gaugisch, Bundestrainer der deutschen Frauen-Handballnationalmannschaft, beim Internationalen Trainer-Kongress in Mainz. Die Aussagen aus dem Vortrag wurden zusammengefasst und mit eigenen Worten wiedergegeben. Es wurden keine ungeprüften wörtlichen Zitate aus dem Vortrag übernommen. Die fachliche Einordnung zu mentaler Stärke, Selbstführung, Führung, Teamresilienz und High Performance stammt von Antje Heimsoeth. Sie ist nicht als wörtliche Aussage von Markus Gaugisch zu verstehen.

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FAQ: Führung im Spitzensport

Warum sind Begeisterung und innere Überzeugung für Führung wichtig?

Führungskräfte müssen selbst für ihre Aufgabe und ihre Ideen brennen. Nur wer überzeugt ist und sich mit vollem Einsatz engagiert, kann andere Menschen mitnehmen, inspirieren und ihnen Orientierung geben.

Welche Bedeutung hat Kommunikation in der Führung?

Kommunikation findet nicht nur in formellen Gesprächen statt. Sie zeigt sich permanent im Training, bei Korrekturen, durch Lob und Anerkennung, durch Körpersprache, Entscheidungen und das Verhalten der Führungskraft in Drucksituationen. Entscheidend ist nicht nur, was gesagt werden soll, sondern was beim Gegenüber tatsächlich ankommt.

Gibt es einen allgemeingültigen Führungsstil?

Nein. Führung muss flexibel und situationsbezogen sein. Sie hängt von der Zusammensetzung des Teams, der Mannschaft, der jeweiligen Spieler*in, dem (sportlichen) Kontext und vom aktuellen mentalen Zustand der Führungskraft ab.

Warum muss eine Führungskraft die eigene Wirkung wahrnehmen?

Stress, Ärger oder Enttäuschung können die Selbstkontrolle beeinträchtigen und sich unmittelbar auf die Mannschaft auswirken. Deshalb gehört es zur Führungsverantwortung, das eigene Denken, Fühlen und Verhalten bewusst wahrzunehmen und zu steuern.

Warum ist ein gemeinsames Zielverständnis wichtig?

Ein formal gemeinsames Ziel reicht nicht aus, wenn innerhalb des Teams unterschiedliche Erwartungen darüber bestehen, was konkret erreicht werden soll.

Warum können Ergebnisziele zusätzlichen Druck erzeugen?

Eine starke Fokussierung auf ein Ergebnis, beispielsweise eine Medaille, kann zusätzlichen Ergebnisdruck erzeugen. Dadurch kann die Frage in den Hintergrund treten, welche konkreten Leistungen und Handlungen notwendig sind. Gaugischs Konsequenz war, weniger über Medaillen und stärker über die nächste Aufgabe, konkrete Handlungen und beeinflussbare Leistungsziele zu sprechen.

Warum verlangt Veränderung Mut?

Wer bessere Ergebnisse erwartet, kann nicht dauerhaft dieselben Methoden und Instrumente einsetzen. Veränderung ist jedoch mit Unsicherheit und Risiken verbunden. Führung verlangt deshalb den Mut, Strukturen zu verändern, Verantwortung abzugeben, neue Rollen zu schaffen und unbekannte Wege auszuprobieren.

Wie kann Verantwortung innerhalb einer Mannschaft gestärkt werden?

Spielerinnen sollen stärker miteinander kommunizieren, Konflikte selbst ansprechen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig führen. Dadurch verändert sich das Führungsmodell von einer stark trainerzentrierten Steuerung hin zu geteilter Verantwortung.

Warum müssen Veränderungen nachvollziehbar erklärt werden?

Neue Systeme und Vorgehensweisen können nicht einfach angeordnet werden. Die Spielerinnen und Mitarbeitenden müssen verstehen, warum eine Veränderung notwendig ist und welchen Nutzen sie hat. Entscheidungen müssen so kommuniziert werden, dass Menschen bereit sind, ihnen auch in unsicheren Situationen zu folgen.

Was bedeutet es, den Menschen hinter der Spielerin zu sehen?

Moderne Führung geht über die sportliche Rolle hinaus. Trainerinnen und Trainer müssen Beziehungen aufbauen, Persönlichkeiten besser verstehen und individuelle Bedürfnisse wahrnehmen. Menschen sollen differenziert angesprochen und entsprechend ihrer Voraussetzungen unterstützt werden.

Ihre Autorin Antje Heimsoeth

Antje Heimsoeth

       

Über die Autorin

Antje Heimsoeth zählt zu den führenden Expertinnen für mentale Stärke, Motivation, Performance, Leistung, Selbstführung und mentale Gesundheit. Seit mehr als 25 Jahren begleitet die Unternehmerin, Mental- und Performance-Coach Unternehmen, Führungskräfte, Teams und internationale Spitzensportler. Mehrfach ausgezeichnete Keynote-Speakerin (Speaker des Jahres 2021, „Vortragsrednerin des Jahres 2014“).

Antje ist 15-fache Buchautorin und veröffentlicht unter anderem bei Haufe, C.H. Beck und Springer Gabler. Als Expertin ist sie regelmäßig in TV, Radio, Podcasts und Printmedien präsent. FOCUS bezeichnete sie als „renommierteste Motivationstrainerin Deutschlands“. Das renommierte Erfolg Magazin aus dem Backhaus Verlag zählt Antje zu den 500 bedeutendsten Persönlichkeiten der Erfolgswelt. Ende 2019 wurde sie zum Senat der Wirtschaft berufen und ist so Teil eines exklusiven Kreises von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Sie bildet heute Coaches und Trainer*innen aus, die ihre Inhalte und mentalen Tools auf der ganzen Welt vermitteln.

Gastrednerin an Hochschulen in Deutschland.
Mit ihren Büchern, Vorträgen und Medienbeiträgen hat sie bereits mehr als 850.000 Menschen erreicht.

Frau Heimsoeth versteht es, mit ausdrucksstarken Zitaten und Bildern und vielen persönlichen Beispielen, unter anderem aus dem Sport, Ihre Aussagen ganz klar auf den Punkt zu bringen, einfach und verständlich. Sie vermittelt klare Botschaften. Was ihr besonders am Herzen liegt: Respekt, Vertrauen, Wertschätzung, warme Menschlichkeit.

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