Mentale Gesundheit – Warum sie uns alle angeht

Mentale Gesundheit – Warum sie uns alle angeht - Antje Heimsoeth

Autor

Antje Heimsoeth

Datum

21. Feb 2022

„Weil ich einfach erschöpft bin, weil ich einfach müde bin, weil ich keine Kraft mehr habe.“
Max Eberl, ehem. Sportdirektor der Borussia Mönchengladbach, zu seinem Rücktritt am 28.01.2022

Ob Fußballfan oder nicht – der emotionale Abschied des Gladbacher Sportdirektors Max Eberl geht unter die Haut (https://www.sportschau.de/fussball/bundesliga/video-emotionaler-ruecktritt-von-max-eberl-100.html). Für seine Ehrlichkeit und Offenheit, seine Bereitschaft, seinen Seelenzustand in aller Öffentlichkeit nach außen zu drehen, gebührt Eberl jeglicher Respekt. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sich den kurzen Videoausschnitt der Sportschau ansehen? Werden Sie nachdenklich? Empfinden Sie Respekt für Eberls großen Schritt oder verspüren Sie vielleicht sogar Bedrückung?

Ängste, Hilflosigkeit, Wut, Ärger, Frustration, Sorge sind keine neuen Phänomene. Was neu ist, sind die Umstände, denen wir ausgesetzt sind. Die Umstände einer sich zunehmend schneller drehenden Welt, die Umstände immer tieferer Verzweigungen, die Umstände einer immer lauteren und präsenteren Medienlandschaft, die Umstände dauerhafter Erreichbarkeit durch Smartphone und Co. Aber auch seit mittlerweile fast zwei Jahren die Umstände der Doppel- und Mehrfachbelastungen durch Pandemie, Quarantäne beziehungsweise Isolierung, Home-Office, Home-Schooling, Kinderbetreuung usw.

Weiterlesen: Mentale Gesundheit der Führungskräfte

Was kann ich persönlich für mehr mentale Gesundheit tun?

Fragen Sie sich also: Was kann ich ganz persönlich dagegen tun? Gegen die Erschöpfung, gegen die Kraftlosigkeit? Für sich selbst und für andere. Gerade Führungskräfte sind hier mehrfach gefragt: Wie können geschaffene Strukturen mein Team, meine Mitarbeiter schützen, um eben nicht auszubrennen? Stichwort Prävention. Oft sind sich Menschen gar nicht bewusst, dass sie Gefahr laufen auszubrennen. „Das dauert nur bis Projekt XY abgeschlossen oder die Urlaubszeit vorüber ist …“ Das kann auch ein Warnzeichen sein. Der Grat ist sicher schmal. Aktives „Hin“hören ist immer hilfreich, um Ängste zu erkennen. Ebenso Führungskräfte, die empathisch sind, die nicht bagatellisieren und Floskeln nutzen, wenn ein Mitarbeiter Angst hat. Sondern sagen: „Ja, ich sehe dich damit!“ und „Was kann ich möglicherweise für dich tun? Was brauchst du an inneren und äußeren Ressourcen?“

Aber auch: Wie kann Betroffenen geholfen werden, wenn die Erschöpfung bereits die Oberhand hat? Stichwort Hilfe anbieten. Und wie verlieren wir uns dabei selbst nicht aus dem Blick? Natürlich sollen und können Sie nicht einen Coach oder gar einen Therapeuten ersetzen. Und ab einem gewissen Punkt sind Ihnen als Führungskraft dann auch die Hände gebunden – wenn es nur noch mit professioneller Betreuung geht, ist das einzige Instrument, das Sie haben, Ihrem Mitarbeiter den Rücken frei zu halten und Zeit zu geben. Meine Empfehlung: Schaffen Sie vor Tag X die nötigen Strukturen und treffen Sie Maßnahmen, sodass Betroffene (das können auch Sie selbst sein) ohne Druck und schlechtes Gewissen „abschalten“ und gesunden können.

Mentale Gesundheit kann man nicht „erzwingen“ – den Weg dorthin schon

Gerade jetzt während der Pandemie weiß ich von vielen Unternehmen, dass sie sich mit Coaches, Therapeuten und anderen Ansprechpartnern zusammengetan haben und den Mitarbeitern zumindest entsprechende Adressen zur Verfügung stellen. Adressen, an die sich Mitarbeiter wenden können, wenn sie das Gefühl haben, jemand von außen zu brauchen – zum Zuhören, für ein Gespräch oder auch fachkundige Hilfe. Ebenso entsprechende Trainings können beim Erkennen und Bewältigen von Ängsten, Blockaden oder Erschöpfungszuständen helfen.

Mentale Gesundheit – Warum sie uns alle angeht - Antje Heimsoeth

Es gibt bereits Unternehmen, die dort vorangehen und Trainings anbieten – für Führungskräfte und Mitarbeiter. Ich selbst halte immer wieder Vorträge (Weitere Informationen zum Vortrag finden Sie hier >>) und Trainings zum Thema Mentale Gesundheit. Das Spannende (oder vielleicht auch Entsetzliche), das mir dabei auffällt: Mitarbeiter besuchen mich dabei eher selten, nach dem Motto „Wasch mich, aber mach mich nicht nass …“. Schade eigentlich. Muss man Mitarbeiter also vielleicht sogar förmlich zu ihrem Glück zwingen? Ich sage ja! Also selbst wenn Mitarbeiter die Angebote oft nicht so annehmen wie erhofft, diese mit noch mehr Nachdruck anbieten. Verpflichtung zur Teilnahme für Mitarbeiter schaffen – nicht aus der Triebfeder des Zwangs heraus, sondern aus der Fürsorge für Mitarbeiter heraus. Verbindliche Vorträge, die aufklären und sensibilisieren – und zwar für alle! Ergänzend kann man sich Follow-Ups überlegen, zum Beispiel online, als Podcastfolge oder per E-Mails, die dann die nächsten etwa zehn Tage regelmäßig verschickt werden. Dabei gilt es, so wenig Hürden als möglich einzubauen: Eine E-Mail mit Direktverlinkung wird eher gelesen, als dass sich jemand aktiv einloggt, um eine Podcastfolge zu hören oder sich ein Video anzuschauen.

Mentale Gesundheit – Warum sie uns alle angeht - Antje Heimsoeth

Eigeninitiative für mehr mentale Gesundheit

Trotz alledem finde ich auch, dass die Eigeninitiative jedes Einzelnen gefragt ist. Egal ob als Führungskraft oder als Mitarbeiter. „Wie geht es mir?“, „Was brauche ich?“, Wann, wo und wie stoße ich an meine Grenzen?“ und „Was kann ich selbst tun?“ Dazu gehört, sich nicht blind darauf zu verlassen, ob oder welche Hilfsangebote existieren. Sich umschauen, informieren und – unangebrachte Scham beiseite – proaktiv auf die HR-Abteilung zugehen und sagen: „Ich brauch das! Zahlt ihr mir das?“ Und im Fall der Fälle es auch mal selbst bezahlen, weil eben nicht nur das Unternehmen, sondern vor allem wir selbst für uns verantwortlich sind. Wir geben ja auch Geld aus für unseren Urlaub, fürs Essengehen, für den Besuch beim Friseur oder im Wellness-Spa. Und genauso kann und sollte man doch für ein Training/eine Fortbildung investieren, zumal jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft das von der Steuer absetzen kann.

Mentale Gesundheit – Warum sie uns alle angeht - Antje Heimsoeth


Positive Stimmung bewusst erleben und genießen

Was mir persönlich (und vielen anderen) im Alltag hilft, ist, Erfolge zu feiern. Dabei geht es nicht um die große Sause bei Abschluss eines riesigen Projekts oder eines lukrativen Auftrags. Ganz klar, das können und sollen durchaus Gründe zur Freude sein. Dröseln Sie aber doch Ihr tägliches Tun etwas feiner auf. Konzentrieren Sie sich nicht nur auf die großen Meilensteine, sondern nehmen wichtige Etappenziele oder vermeintlich ganz kleine Erlebnisse ins Visier Ihrer Aufmerksamkeit. Fragen Sie sich: „Was ist mir in den letzten Tagen positiv aufgefallen?“ Im Team, im Umgang mit Kunden, mit einem Produkt? Sich selbst auf die Schulter zu klopfen, weil etwas gut funktioniert hat, nochmals mit einem Freudegrinsen auf die Erfolge der Woche, des Tages, der letzten Besprechung oder der letzten fünf Minuten zurückzublicken.

Probieren Sie es aus, es wirkt. Und lassen sie dann Ihre Mitarbeiter teilhaben: Fragen Sie nach, was Gutes passiert ist, was jeder Einzelne oder das Team miteinander erreicht hat. Und blicken Sie nach vorne: Auf das, worauf es sich lohnt, es mit (Vor-)Freude zu erwarten.

Ich wünsche Ihnen, Max Eberl und mir selbst jede Menge Energie und Achtsamkeit, um die mentale Gesundheit nicht aus dem Blick zu verlieren und täglich dafür einzustehen – zum Selbstzweck und für alle anderen.

© Ihre Antje Heimsoeth

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