Vergleiche und Vorbilder

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Autor

Antje Heimsoeth

Datum

26. Nov 2015

Sich Vergleichen

Eine Klientin von mir ist Nachwuchsschwimmerin. Wenn sie mit ihrer Schwester, ebenfalls Schwimmerin, zusammen auf Wettkämpfe geht, bricht sie häufig in ihren Leistungen ein. Weil sie sich ständig mit ihrer Schwester vergleicht und sie für stärker hält. Aus welchen Gründen spielen „die anderen“ in unserem Leben eine so große Rolle? Was sorgt dafür, dass wir uns ständig mit anderen vergleichen?

Wir vergleichen uns u.a. deshalb, weil wir wertvolle Informationen über uns und unsere aktuelle Situation aus dem Vergleich schöpfen. Wir benötigen den Vergleich zur Einordnung dessen, wer wir sind und was wir tun: Wir wollen wissen, wo wir stehen im gesellschaftlichen, beruflichen, sportlichen usw. Gefüge. Vergleichen wir uns mit Menschen, die in bestimmten Dingen schwächer sind als wir, bestätigt das und erhöht  vielleicht sogar unser Selbstwertgefühl. Vergleichen wir uns mit Menschen, die in bestimmten Dingen stärker sind als wir, liefern uns diese Anreize, uns zu verbessern. Ein Vergleich mit dem Nachbarn kann z.B. Befriedigung auslösen, wenn wir mehr haben – das größere Haus oder Auto, mehr Geld oder Besitztümer etc. Stehen wir jedoch schlechter als der Nachbar dar, fällt es vielen Menschen schwer, sich selbst dabei noch wohlwollend zu betrachten. Machen wir an diesen Statussymbolen viel fest, hadern wir mit uns und lieben uns weniger. Das erlebe ich auch häufig im Spitzensport beim Leistungsvergleich von Sportlern untereinander.

Unser Gedankengut ist permanent von außen beeinflusst. Wir alle werden u.a. von unserem Umfeld geformt. Die „anderen“ sind Spiegel, Sparringspartner und Impulsgeber gleichermaßen. Bereits von klein auf lernen wir durch Imitation, indem wir unser Umfeld und unsere Eltern nachahmen. Dem liegt u.a. unser Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz, Respekt und Anerkennung zugrunde. Das menschliche Gehirn braucht soziale Akzeptanz. Je schwächer das eigene Selbstbewusstsein ausgeprägt ist, umso eher orientieren wir uns an anderen und deren Meinung über uns. Die Angst vor Versagen und Blamage oder Einbußen an Anerkennung spielt auch bei meiner Klientin eine entscheidende Rolle. Doch gerade weil sie ihre Schwester für stärker hält und diese Überzeugung ihr Denken bestimmt, hemmt sie sich in ihrem eigenen Leistungsvermögen und ruft nicht mehr ihr volles Potenzial ab. 

Tipp Nr. 1: Besinne dich auf deine Stärken

Damit richte ich den Fokus nicht allein auf Schwächen, sondern auch auf bereits vorhandene Stärken, Fähigkeiten und Talente. Werde dir bewusst, wo deine Stärken liegen, denn hier liegt der Schlüssel zum Erfolg.
Woran hast du Freude? Was fällt dir leicht? Und – hier kommen die anderen wieder ins Spiel – was bewundern andere an dir, wofür wirst du oft gelobt? Sei stolz auf deine Stärken und lebe sie! Fördere den Einsatz deiner Stärken und baue sie aus. Wer seine Stärken lebt, bahnt den Weg zum Erfolg, reduziert Selbstzweifel und erfährt eine große Befriedigung durch sein Tun. 

Tipp Nr. 2: Andere können fürs eigene Ziel helfen – als Unterstützer und inspirierendes Vorbild

Andere spielen für meine persönliche Zielerreichung in zweierlei Hinsicht eine Rolle. Zum einen schaue ich, wer mich auf dem Weg zum Ziel unterstützen kann und schaffe mir ein entsprechendes Umfeld. Zum anderen suche ich mir ein Vorbild, von dem ich dafür lernen kann. Doch ich kopiere dieses Vorbild nie, sondern integriere in mein eigenes Handeln lediglich einzelne Aspekte wie bestimmte Strategien, Rituale oder Eigenschaften, die mir förderlich erscheinen. Sich ein Vorbild zu suchen und sich dann dementsprechend zu verhalten, ist ein sehr mächtiges Instrument zur Verhaltensänderung, weil es sich auf das Selbstbild auswirkt. Die Art, wie wir uns sehen, beeinflusst unser Verhalten.

Mögliche Vorbilder können Menschen aus meinem direkten Umfeld sein, aber auch erfolgreiche Kollegen oder andere bekannte Persönlichkeiten, deren Haltung und Handeln mich positiv inspirieren. Bei der Wahl meines Vorbilds frage ich mich Folgendes:

  • Was genau kann ich von ihm/ihr lernen?
  • Was tut er/sie, das mich, wenn ich es täte, ebenso erfolgreich machen würde?
  • Wie hat er/sie es dorthin geschafft? 

Tipp Nr. 3: Lerne von den Besten

Von den Besseren zu lernen, heißt: sich wertvolle Impulse für die eigene Weiterentwicklung zu holen. Das heißt, sich Verhaltensweisen jener anzueignen, die erfolgreicher sind, z.B. im Sport in Bezug auf Technik oder Strategie. Hinzuschauen, was genau beim anderen besser läuft und welche Erkenntnisse ich daraus für meine eigene Performance ziehen kann.  In der Praxis kann das bedeuten, mit Mannschaft und Trainer eines Fußballklubs aus der Bezirksliga ein Spiel von FC Bayern München zu besuchen und nach dem Spiel gemeinsam zu erarbeiten, was sich von den Bayern lernen lässt.

Für die Betrachtungsweise meiner Klientin wäre es z.B. förderlicher, sich zu sagen: „Dieses und jenes ist sehr gut gelaufen. In xy werde ich beim nächsten Mal die Strategie anwenden, die ich bei meiner Schwester oder einer anderen Schwimmerin beobachtet habe.“ Statt resignierend zu sagen: „Meine Schwester (oder die andere) ist sowieso besser als ich, das war schon immer so. Da brauche ich erst gar nicht zu versuchen, mitzuhalten.“ 

Tipp Nr. 4: Vergleiche nicht, sondern bleibe dir selbst treu

Für mich macht der Vergleich mit anderen nur Sinn, wenn ich lernen möchte, von anderen also etwas dazugewinnen möchte. Andernfalls laufe ich Gefahr, meine Authentizität zu verlieren, eigene Bedürfnisse permanent zu vernachlässigen und völlig abhängig von „den anderen“ zu werden. Wer sich ständig vergleicht, schafft einen idealen Nährboden für Minderwertigkeitsgefühle, Neid, Missgunst und innere Unruhe. Die damit einhergehende eigene Abwertung verhindert es, sich selbst wertzuschätzen und zu akzeptieren.

Deshalb: Schluss mit Vergleichen!

Bei Bedarf lerne von den Besten und/oder deinen Vorbildern. Durchbreche den Automatismus des Vergleichens, der sich täglich nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst bei uns abspielt. Erkenne Situationen, in denen du vergleichst und frage dich, aus welchen Gründen du dies gerade tust. Warst du auf der Suche nach Bestätigung? Überlege, auf welchem anderen Weg du dein Bedürfnis noch befriedigen könntest.

Vertraue dir und deinen Fähigkeiten, auch wenn andere an dir zweifeln oder augenscheinlich besser sind. Die „anderen“ sind niemals du! Akzeptiere und liebe dich, so wie du bist. Das heißt auch, die eigene Unvollkommenheit anzunehmen.

Ihre Antje Heimsoeth

Literatur:
Heimsoeth, A. (2015). Chefsache Kopf. Mit mentaler und emotionaler Stärke zu mehr Führungskompetenz. Springer Gabler, Wiesbaden.
Heimsoeth, A. (2015). Sportmentaltraining. pietsch, Stuttgart.

 

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