In diesem Beitrag geht es um sieben mentale Leadership-Lektionen aus der Fußball-WM 2026 – und darum, wie Führungskräfte mentale Stärke, Vertrauen, Fokus, emotionale Stabilität und echte High Performance in ihren Teams fördern können.
Wenn Fußball-WM ist, verändert sich für ein paar Wochen der Rhythmus ganzer Länder. Millionen Menschen sitzen vor den Bildschirmen, analysieren Aufstellungen, diskutieren Trainerentscheidungen und erleben jede Torchance, als stünden sie selbst auf dem Platz. Ein einziges Spiel kann Euphorie auslösen – oder kollektive Enttäuschung.
Doch eine Weltmeisterschaft ist weit mehr als ein sportliches Großereignis. Sie ist ein globales Brennglas für Druck, Emotionen, mentale Stärke und Teamleistung. Nirgendwo wird so sichtbar, wie Menschen reagieren, wenn Erwartungen riesig sind, Entscheidungen unter höchstem Druck fallen und Fehler vor Millionenpublikum passieren.
Genau deshalb ist die Fußball-WM 2026 auch für Führungskräfte so spannend. Denn was im Stadion passiert, erleben Unternehmen jeden Tag in anderer Form: Drucksituationen, Rückschläge, Kritik, Zielkonflikte, Teamdynamiken und die Frage, ob vorhandenes Potenzial im entscheidenden Moment wirklich abgerufen werden kann.
Ich schaue als Sport Mental- und Performance-Coach nicht nur darauf, wer gewinnt oder verliert. Mich interessiert vor allem eine Frage: Warum schaffen es manche Menschen und Teams, genau dann ihre bestmögliche Leistung abzurufen, wenn der Druck am größten ist – während andere weit unter ihren Möglichkeiten bleiben?
Dieses Phänomen kennen wir im Sport sehr gut. Es gibt Athletinnen und Athleten, die im Training Weltklasseleistungen zeigen – und im entscheidenden Moment im Wettkampf nur einen Bruchteil davon abrufen. Man spricht hier vom Phänomen „Trainingsweltmeister“.
Hier hören Sie „Trainingsweltmeister – trainingsstark, wettkampfschwach? Ursachen und Lösungen aus dem Sport Mental Coaching“.
Erst kürzlich arbeitete ich mit einer Tennisspielerin, die mir sagte, dass sie im Wettkampf vielleicht nur zehn Prozent ihres eigentlichen Könnens zeigen könne. Technisch war fast alles vorhanden. Die Fähigkeiten waren da. Doch ihr Fokus wanderte nach außen: Was denken die anderen? Wie wirkt mein Spiel? Was passiert, wenn ich verliere? Und genau dort setzt Mentaltraining an.
Denn Erfolg entsteht nicht nur durch Können. Erfolg entsteht durch die Fähigkeit, das vorhandene Können und Stärken auch unter Druck abzurufen. Das gilt für den Fußballplatz genauso wie für Unternehmen und Führungskräfte. Auch Teams in Organisationen erleben Niederlagen, Rückschläge, Kritik und Drucksituationen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob solche Momente kommen. Sie kommen garantiert.
Die entscheidende Frage lautet: Wie schnell schaffen Sie es, sich und Ihr Team wieder in einen ressourcenvollen Zustand zu bringen, damit die nächste Leistung nicht von der letzten Enttäuschung und Niederlage bestimmt wird?
Problemstellung
Internationale Konzerne, DAX Unternehmen und traditionsreiche Mittelständler und kämpfen häufig mit Problemen wie mangelnder Konzentration aufgrund von Ablenkungen, schlechter Teamarbeit, schlechtes Stressmanagement und inkonsistenter Leistung. Diese Probleme resultieren aus internen (nicht gelösten) Konflikten, fehlender Transparenz, fehlende Offenheit, Widerstände gegen Veränderung, unklare Aufgaben, Rollen, zu großes Ziel (Vorgabe der Geschäftsführung) und unzureichenden Unterstützungsstrukturen wie fehlendes Mentoring. Ohne die Lösung dieser Probleme laufen Unternehmen Gefahr, zu stagnieren oder gar zu scheitern. Die Konzepte der Sportpsychologie bieten effektive mentale Techniken und Strategien zur Verbesserung der mentalen Stärke, der Resilienz, der Entspannungsfähigkeit, der Teamarbeit und der Zielerreichung im geschäftlichen Umfeld.
Analogie: Das Unternehmen als Sportmannschaft
Stellen Sie sich Ihr Unternehmen als professionelles Sportteam vor. Jedes Mitglied hat eine bestimmte Rolle, genau wie die Spieler auf dem Spielfeld. Erfolg erfordert nicht nur individuelles Talent, sondern auch effektive Zusammenarbeit, Vertrauen, Selbstvertrauen, Fokus, Flow und mentale Stärke. Wenn die Kommunikation im Team schwächelt oder Stress nicht wirksam gemeistert wird, leidet die Gesamtleistung des Teams. Genauso wie im Sport erfordert auch im Unternehmensalltag eine positive Denkweise, Zuversicht und die Fähigkeit, sich auch unter Druck zu konzentrieren. Das macht den entscheidenden Unterschied für den langfristigen Erfolg aus.
Wichtige mentale Lektionen, die Führungskräfte aus der Fußball-WM lernen können
Wenn wir aktuell die Fußball-WM verfolgen, sehen wir vor allem spektakuläre Tore, unglaubliche Technik und körperliche Höchstleistungen. Doch häufig entscheidet sich ein Spiel nicht nur über Schnelligkeit, Kraft oder Talent – sondern über das, was zwischen den Ohren passiert.
Wer glaubt, Weltmeisterschaften würden allein durch Technik, Taktik oder Talent entschieden, unterschätzt den entscheidenden Erfolgsfaktor: die mentale Stärke. Genau hier können Führungskräfte und Unternehmen vom Spitzensport lernen.
1. Leadership-Lektion 1: Exzellenz beginnt bei den Grundlagen
Exzellenz zeigt sich nicht daran, ob man die schwierigen Dinge ernst nimmt, sondern ob man die einfachen Dinge mit derselben Intensität ausführt.
Tom Brady, ehemaliger US-amerikanischer American-Football-Spieler, in etwa: Viele junge Spieler kamen in die NFL und konnten sich bei spektakulären Situationen fokussieren — ein entscheidender Pass, ein Play gegen einen Superstar, ein großer Moment im Spiel. Aber bei den „einfachen“ Dingen (Routine-Routen, Standard-Blöcke, Wiederholungen im Training) sank ihre Konzentration.
Brady sah darin ein Problem, weil auf höchstem Niveau gilt: Anfänger passen ihre Anstrengung an die Schwierigkeit der Aufgabe an. Profis halten ihren Standard konstant.
Jedes Spiel und Training so behandeln, als würde es zählen.
Diese Mentalität kam stark von der Kultur unter Bill Belichick (youtube): „Do your job“ — nicht nur bei den großen Momenten, sondern bei jeder Wiederholung. Auch die Patriots selbst beschreiben „Do Your Job“ als Grundlage von Belichicks Coaching-Philosophie in New England. Die Patriots-Dynastie beruhte weniger darauf, ständig außergewöhnliche Dinge zu machen, sondern darauf, gewöhnliche Dinge außergewöhnlich zuverlässig zu machen. (patriots.com (2015))
Ich glaube, genau Brady´s Mindset war das, was ihn von anderen unterschied. Er behandelte jede einzelne Wiederholung, jedes einzelne Spiel so, als wäre es der Super Bowl. Dadurch gab er in den großen Momenten nicht dem Druck, der Intensität oder der Bedeutung des Ereignisses nach – denn in seinem Kopf hatte er diese Situation schon hundertmal erlebt.
Übertragen außerhalb des Sports:
Ein Amateur übt etwas, bis er es richtig macht.
Ein Profi übt es, bis er es kaum noch falsch machen kann.
2. Leadership-Lektion 2: Mentale Stärke unter Druck: Wie gehen die Top Spieler mit dem Druck um?
Aktuell führen einige der größten Namen des Weltfußballs die Torjägerliste an:
Top-Torschützen der WM (Zwischenstand: 25.06.2026):
- Lionel Messi (Argentinien) – 5 Tore
- Kylian Mbappé (Frankreich) – 4 Tore
- Vinícius Júnior (Brasilien) – 4 Tore
- Deniz Undav (Deutschland) – 3 Tore
- Jonathan David (Kanada) – 3 Tore
- Johan Manzambi (Schweiz) – 3 Tore
- Ismael Saibari (Marokko) – 3 Tore
Eine der spannendsten Fragen bei einer Fußball-WM lautet: Warum wachsen manche Spieler in den größten Momenten über sich hinaus – während andere plötzlich weit unter ihren Möglichkeiten bleiben?
Der Elfmeter ist derselbe. Das Stadion ist dasselbe. Millionen Zuschauer sind dieselben.
Und trotzdem erleben zwei Spieler diesen Moment völlig unterschiedlich.
Das „Biopsychosocial Model of Challenge and Threat“ von Blascovich & Mendes beschreibt genau diesen Mechanismus: Unser Gehirn bewertet Drucksituationen innerhalb kürzester Zeit.
Ist das eine Bedrohung – oder ist das eine Herausforderung?
Wer den Moment als Bedrohung interpretiert („Ich darf jetzt keinen Fehler machen“, „Was passiert, wenn ich versage?“), gerät schneller in einen Schutzmodus. Die Aufmerksamkeit verengt sich, die Muskulatur wird angespannter, Entscheidungen werden vorsichtiger. Der Körper bereitet sich darauf vor, eine Gefahr zu überstehen.
Die Besten der Besten erleben denselben Druck anders.
Sie denken nicht: „Hoffentlich geht das nicht schief.“
Sondern eher: „Genau für diesen Moment habe ich trainiert.“
Der Druck verschwindet dadurch nicht. Herzfrequenz und Aktivierung sind weiterhin hoch. Aber die Energie bekommt eine andere Richtung: Sie wird nicht als Warnsignal interpretiert, sondern als Bereitschaftssignal. Aus Anspannung wird Fokus. Aus Nervosität wird Energie. Aus Druck wird Präsenz.
Und das Entscheidende: Diese Fähigkeit ist kein angeborenes Talent, das nur Champions besitzen. Sie ist trainierbar.
Mentale Stärke bedeutet nicht, keinen Druck zu spüren. Mentale Stärke bedeutet, die eigene Reaktion auf Druck steuern zu können.
Meditation & Visualisierung: Die Mentaltechniken der Weltklasse
Spitzensportler wissen längst: Der Körper kann nur dann sein volles Potenzial abrufen, wenn auch der Geist trainiert ist. Deshalb investieren viele der erfolgreichsten Athletinnen und Athleten der Welt nicht nur Stunden in Technik, Taktik und Krafttraining, sondern auch in mentale Routinen wie Meditation, Atemtraining und Visualisierung. Meditation bedeutet dabei nicht, dem Wettkampfdruck auszuweichen – sondern zu lernen, auch mitten im Sturm ruhig, fokussiert und handlungsfähig zu bleiben.
Hier sind herausragende Spieler, die die Praxis der Meditation in ihren Alltag integriert haben:
- Cristiano Ronaldo, portugiesischer Fußballspieler und Superstar: „Ich meditiere fast jeden Tag und arbeite vor allem am Atmen. In diesen Momenten bin ich in meiner Bubble. Aber es gibt so viele Möglichkeiten zu meditieren …“ (All Football). „Für seine innere Ruhe und mentale Stärke setzt er zudem auf Meditation, wenn auch nicht unbedingt täglich. Das Meditieren, inklusive Atemübungen, behält er sich für stressige Situationen und für Spieltage vor. An Letzteren praktiziert er zudem die Methode der Visualisierung: „Ich visualisiere Dinge, die im Spiel passieren können. So bin ich auf diese Augenblicke besser vorbereitet.“ (Hoffmann 2024)
- „Wunderkind“ Erling Haaland, norwegischer Stürmer, meditiert regelmäßig. Daraus ziehe er „die nötige Fokussiertheit und innere Ruhe, um in den entscheidenden Momenten vor dem Tor eiskalt zu sein“ (Inderbitzin 2020).
- Lionel Messi, argentinischer Fußballspieler und Superstar, praktiziert Meditation und hält sich abseits des Platzes mit Yoga fit. „Wenn Messi sich vor einem großen Spiel ein paar Momente Zeit nimmt, um sich zu entspannen, steigert er seine Aufmerksamkeit und seine Fähigkeit, präsent zu sein. Auf dem Platz denkt er nicht an den Druck des Augenblicks oder daran, was passieren würde, wenn er verfehlt, oder an die Millionen, die zu Hause vor dem Fernseher zuschauen. Er denkt einfach an die Gegenwart. Und das ist vielleicht der Grund, warum er sein Können so wirkungsvoll zur Geltung bringen kann.“ (Hamid 2014) Messi betont die Bedeutung der mentalen Stärke im Profisport.
Quellen:
Football. ‚I messed up several times‘ – Neymar working on not ‚exploding‘ when frustrated. https://m.allfootballapp.com/news/Headline/I-messed-up-several-times—Neymar-working-on-not-exploding-when-frustrated/1815735
Football. Ronaldo: I meditate almost every day, it calms me & brings me a lot of serenity. https://m.allfootballapp.com/news/EPL/Ronaldo-I-meditate-almost-every-day-it-calms-me–brings-me-a-lot-of-serenity/1971360. Zugegriffen: 10.11.2024
Hamid (2014) Messi’s Magic Moments; what’s his secret, meditation? (09.07.20214). innerchange. https://innerchange.com.au/messi-magic-secret-is-it-meditation/. Zugegriffen: 10.11.2024
Hoffmann, M. (2024) Cristiano Ronaldo betont: »Natürlich gehe ich nicht gerne jeden Tag ins Gym (23.05.2024). https://www.fitbook.de/fitness/cristiano-ronaldo-training-disziplin. Zugegriffen: 10.11.2024
Inderbitzin, L. (2020) Macht Meditation ihn zu diesem Stürmer-Monster? 26.04.2020). 20 Minuten. https://www.20min.ch/story/macht-meditation-ihn-zu-diesem-stuermer-monster-492920823335. Zugegriffen: 10.11.2024
Ob Menschen Druck als Bedrohung oder als Herausforderung erleben, hängt nicht nur von der Person selbst ab, sondern auch stark von den Rahmenbedingungen und der Führung. Psychologische Sicherheit, Vertrauen und Klarheit schaffen die Basis dafür, dass Teams auch in Krisen handlungsfähig bleiben.
Im Fußball wie im Business gilt.
Die großen Momente gewinnen selten die mit dem größten Talent, sondern oft die Teams, die unter Druck zusammenhalten.
3. Leadership-Lektion 3: Mit dem Dream-Team zum Erfolg: Warum Spitzenleistung immer eine Teamleistung ist
Bei einer Fußball-WM stehen häufig die großen Namen im Mittelpunkt. Die Torschützen, die Kapitäne, die Spieler, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen. Doch hinter jeder außergewöhnlichen Einzelleistung steht fast immer ein starkes Team. Niemand gewinnt eine Weltmeisterschaft allein.
Auch die größten Stars brauchen Mitspieler, Trainer, Analysten, Physiotherapeuten und Menschen im Hintergrund, die dafür sorgen, dass Höchstleistung überhaupt möglich wird.
Dieses Prinzip gilt weit über den Fußball hinaus. Formel-1-Teamchef Toto Wolff beschreibt einen wesentlichen Erfolgsfaktor seines Teams so: „Wir haben in Brackley und Brixworth ein Team, das mit dem richtigen Mannschaftsgeist und der richtigen Einstellung zum Erfolg zusammenarbeitet. Wir haben es nicht zugelassen, selbstgefällig zu werden, sondern sind motiviert und voller Energie geblieben.“ Damit bringt er einen entscheidenden Punkt auf den Tisch: Nachhaltiger Erfolg entsteht nicht nur durch Talent – sondern durch Kultur.
Ein gemeinsames Ziel, Vertrauen, Disziplin, Selbstreflexion, Neugierde, Commitment und gegenseitige Wertschätzung schaffen die Grundlage für ein echtes High-Performance-Team.
Weiterlesen: Spitzenleistungen im Team
Ob Menschen Druck als Bedrohung oder als Herausforderung erleben, hängt nicht nur von der einzelnen Person ab. Es hängt auch davon ab, welches Umfeld Führungskräfte schaffen.
Gibt es psychologische Sicherheit?
Dürfen Fehler angesprochen werden?
Gibt es Vertrauen und Klarheit?
Spüren Menschen, dass sie Teil von etwas Größerem sind?
Teams, die diese Basis haben, bleiben auch nach Rückschlägen handlungsfähig. Sie suchen keine Schuldigen – sie suchen Lösungen. Sie verschwenden keine Energie mit Angst – sie richten den Fokus auf die nächste Aktion.
Das gilt im WM-Stadion genauso wie in Unternehmen.
Deshalb lohnt sich der Blick hinter die sichtbaren Erfolge: auf die Menschen, die vorbereiten, unterstützen, ermutigen und oft im Hintergrund dafür sorgen, dass andere glänzen können.
Betrachten Sie diese Unterstützung nicht als selbstverständlich. Wertschätzung ist kein „weicher Faktor“ – sie ist ein entscheidender Bestandteil von Spitzenleistung.
Weiterlesen: Mitarbeiterbindung – Motivation durch Wertschätzung
Denn am Ende gewinnt selten die Ansammlung der besten Einzelspieler. Es gewinnt das beste Team.
4. Leadership-Lektion 4: Vertrauen entscheidet: Die vergessene Basis der Führung
Jede erfolgreiche Führungskraft weiß: Führung ist ein Balanceakt zwischen Anleitung und Selbstentfaltung der Mitarbeiter. Die vielbeschworene Generation Y will nicht ständig Direktiven empfangen, sondern Partizipation und Spielraum für Eigenverantwortung – auf dem Rasen und abseits davon. Gute Chefs schenken Vertrauen und damit Freiheit und Autonomie, denn sie wissen: Entfaltung von Potenzial funktioniert nicht im eng geschnürten Korsett. Das war auch für Jürgen Klopp zentral: „Spieler brauchen Freiheit, um ihr Potenzial entwickeln zu können. Man muss sie auch mal machen lassen. […] Wichtig ist, jungen Spielern zu vermitteln, dass man ihnen Zeit für Entwicklung gibt.“ Vom Spielfeldrand aus reiche ihm oft ein Blickkontakt, um einzelne Spieler aufzubauen, wenn eine Aktion schlecht gelaufen sei (Dielmann-von Berg 2016). Vertrauen setzt die Bereitschaft voraus, auch Fehler zu verkraften. Klopp schenkt den Spielern Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Das lässt den Einzelnen mehr an sich glauben und setzt Leistungsvermögen frei. Chefs und Führungskräfte, die in schwierigen Situationen an ihre Mitarbeiter glauben, stärken deren Selbstvertrauen. Und das ist eine nicht zu unterschätzende Kraftquelle angesichts von Herausforderungen und ständigen Veränderungen.
Weiterlesen: Das Wunder von Anfield – Was Führungskräfte von Jürgen Klopp lernen können
5. Leadership-Lektion 5: Feedback-Kultur: Warum Spitzenleister aktiv nach Feedback fragen
Ein entscheidender Unterschied zwischen guten und herausragenden Sportlern liegt nicht nur darin, wie hart und konsequent sie trainieren – sondern wie offen sie dafür sind, sich weiterzuentwickeln.
Viele Athletinnen und Athleten warten darauf, dass der Trainer nach dem Spiel oder Training zu ihnen kommt und ihnen sagt, was gut war und woran sie noch arbeiten müssen. Doch die Besten übernehmen selbst Verantwortung für ihre Entwicklung. Sie warten nicht auf Feedback. Sie fragen danach. Sie stellen Fragen:
„Was hast du gesehen, was ich nicht gesehen habe?“
„Was kann ich beim nächsten Mal besser machen?“
Denn Spitzenleister verstehen: Feedback ist keine Kritik an der eigenen Person – es sind Informationen für Wachstum.
Diese Haltung macht auch erfolgreiche Teams und Führungskräfte aus.
In Unternehmen erleben wir ein ähnliches Muster: Viele Mitarbeitende warten auf das jährliche Feedbackgespräch oder darauf, dass die Führungskraft Verbesserungspotenziale anspricht. Gleichzeitig warten viele Führungskräfte darauf, dass Mitarbeitende offen kommunizieren, was sie stört und was sie stattdessen brauchen.
Weiterlesen: Feedback geben: Feedback ist das Futter für Fortschritt
High-Performance-Kulturen funktionieren anders.
Dort wird Feedback nicht als Bewertung verstanden, sondern als gemeinsames Werkzeug, um besser zu werden.
Die besten Sportler, Teams und Führungskräfte verbindet eine zentrale Überzeugung: „Ich bin gut – und genau deshalb suche ich nach Möglichkeiten, noch besser zu werden.“
Fragen Sie deshalb regelmäßig Menschen in Ihrem Umfeld:
- Was sollte ich beibehalten?
- Womit sollte ich aufhören?
- Was könnte ich verbessern?
Denn Wachstum beginnt oft mit dem Mut, eine Antwort zu hören, die man noch nicht kennt.
6. Leadership-Lektion 6: Muss ein Bundestrainer an der Seitenlinie ein Siegerlächeln zeigen?
Ein Kollege aus der Sportpsychologie kritisierte gestern Julian Nagelsmann: Er hätte im letzten Spiel gegen die Elfenbeinküste keine Souveränität ausgestrahlt. In den nächsten Spielen sei es also wichtig, dass Julian Nagelsmann das Siegerlächeln aufsetze, sich selbst in den Flow bringe und Spaß und Spielfreude vermittle (Merkur.de. 22.06.2026).
Ein spannender Gedanke. Ja: Flow ist ein entscheidender Faktor für Höchstleistung. Freude, Begeisterung und positive Emotionen sind im Spitzensport enorm wichtig.
Aber ich möchte hier differenzieren.
Ich spreche weder Julian Nagelsmann noch der Mannschaft Spielfreude oder Leidenschaft ab. Für nahezu jeden Fußballer ist es eine große Ehre, für die Nationalmannschaft zu spielen und das Nationaltrikot tragen zu dürfen.
Für mich liegt der entscheidende Punkt woanders: Ein Trainer muss für seine Mannschaft eine Ressourcenperson sein. Und was genau das bedeutet, sollte nicht erst im Spiel entschieden werden. Darüber braucht es vorher Gespräche:
➡️ Was braucht die Mannschaft (in schwierigen Momenten) vom Trainer?
➡️ Wie gibt er Sicherheit?
➡️ Welche Signale helfen – und welche verunsichern?
Natürlich spielt Körpersprache dabei eine enorme Rolle.
Ein Trainer, eine Führungskraft, ein Mensch in Verantwortung sollte sich immer bewusst sein:
Meine Körpersprache wirkt. Mein Gesichtsausdruck und Gestik wirken. Meine Energie wirkt.
Ein aufrechter Körper, ein klarer Blick, Präsenz und ausgestrahltes Vertrauen können unglaublich viel bewirken.
Aber muss es immer ein Lächeln sein?
Da habe ich selbst dazugelernt. Früher habe ich das Siegerlächeln ebenfalls häufiger empfohlen. Heute sehe ich es differenzierter.
Wenn ich selbst auf einer Bühne stehe, hochkonzentriert bin, einen wichtigen Vortrag halte – dann lächle ich auch nicht permanent. Meine Aufmerksamkeit liegt bei der Beziehung zum Publikum, bei meinen Inhalten, meiner Wirkung.
Und jeder darf sich selbst fragen: Wenn du in einer echten High-Performance-Situation bist – hilft dir dann ein dauerhaftes „Siegerlächeln“ wirklich?
Das Learning für Leadership:
Sei als Führungskraft oder Kollege Ressourcenperson für andere.
Wenn du als erfahrene Führungskraft eine jüngere Kollegin zu einer wichtigen Kundenpräsentation begleitest, dann frage vorher:
„Was brauchst du von mir, damit ich dich optimal unterstütze?“
Vielleicht ist es ein Nicken. Vielleicht ein kurzer bestätigender Blick. Vielleicht ein leises „weiter so“.
Aber eines ist entscheidend: Zeige deine Unzufriedenheit – mit wem oder was auch immer – nicht mitten in der Performance.
Wenn jemand während eines Vortrags am Gesicht der Führungskraft abliest: „Ich mache gerade etwas falsch“, wird die Leistung selten besser.
Dann beginnt der innere Dialog:
„Was stimmt nicht?“
„Was denkt mein Chef gerade?“
„Was mache ich falsch?“
Und genau diese Gedanken kosten Fokus, Sicherheit und Präsenz.
Feedback gehört danach in die Reflexion – nicht als verunsicherndes Signal mitten im Moment.
Und umgekehrt gilt: Wenn du selbst einen wichtigen Auftritt, eine Verhandlung oder ein entscheidendes Gespräch hast – suche dir deine Ressourcenperson.
Jemanden, der dir Sicherheit gibt. Der dich stärkt. Der vielleicht fachlich gar nicht beteiligt ist, aber mental einen Unterschied macht.
Denn Erfolg entsteht nicht nur durch Können. Auch das Umfeld entscheidet mit.
7. Leadership-Lektion 7: Emotionale Stärke in der Führung: Ruhe bewahren, wenn der Druck am größten ist
Eine Fußball-WM ist ein emotionaler Ausnahmezustand. Ein Gegentor in letzter Minute. Eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung. Kritik von außen. Millionen Menschen, die jede Entscheidung analysieren.
In solchen Momenten zeigt sich die mentale und emotionale Stärke eines Trainers. Denn die Emotionen einer Führungskraft übertragen sich auf das gesamte Team.
Ein Bundestrainer, der nach einem Fehler hektisch, frustriert oder vorwurfsvoll reagiert, sendet ein Signal. Genauso sendet ein Trainer ein Signal, wenn er Ruhe ausstrahlt, Orientierung gibt und den Fokus wieder auf die nächste Aufgabe richtet.
Genau das gilt auch für Führungskräfte in Unternehmen.
Ihre Fähigkeit, auf hohem Niveau zu führen, wird entscheidend davon beeinflusst, wie gut Sie sich selbst steuern können. Mentale Stärke bedeutet nicht, keine Emotionen zu haben. Auch die Besten erleben Ärger, Enttäuschung, Nervosität oder Druck. Der Unterschied liegt darin, wie sie damit umgehen.
Sie nehmen wahr: „Was passiert gerade in mir?“
Sie regulieren: „Was brauche ich, um wieder klar denken und handeln zu können?“
Und sie richten sich neu aus:
„Was ist jetzt der nächste wichtige Schritt?“
Denn wer seine Emotionen nicht steuert, wird schnell von ihnen gesteuert.
Weiterlesen: So werden Sie Manager Ihrer Emotionen
Im Spitzensport entscheiden oft wenige Sekunden darüber, ob ein Team nach einem Rückschlag auseinanderfällt oder wieder zurück ins Spiel findet. Im Unternehmen ist es ähnlich: Krisen, Fehler und schwierige Entscheidungen gehören dazu.
Die besten Führungskräfte schaffen es, auch unter Druck emotionale Stabilität auszustrahlen. Nicht, weil sie weniger fühlen – sondern weil sie gelernt haben, mit ihren Gefühlen professionell umzugehen.
Am Ende folgen Menschen nicht nur Worten. Sie folgen dem Zustand, den eine Führungskraft ausstrahlt.
Emotionale Ansteckung: Warum die Stimmung der Führungskraft das ganze Team beeinflusst
Ein einziger schlecht gelaunter Mensch kann die Leistung eines ganzen Teams verändern.
Klingt übertrieben? Die Forschung sagt etwas anderes. Es gibt einen Namen dafür: Emotionale Ansteckung (Emotional Contagion). Emotionen bleiben selten bei der Person, die sie mitbringt. Sie wandern. Über Stimme, Körpersprache, Mimik, Wortwahl und Energie.
Ein Beispiel: Montagmorgen, Teammeeting.
Eine Führungskraft kommt gestresst herein. Laptop knallt auf den Tisch. Kurze Antworten. Stirn angespannt. Der erste Satz: „Wir haben ein Problem. Das wird eine harte Woche.“
Nach zehn Minuten ist etwas passiert:
➡️Ideen werden vorsichtiger geäußert.
➡️Menschen sichern sich stärker ab.
➡️Kreativität sinkt.
➡️Der Fokus wandert von „Wie lösen wir das?“ zu „Wie vermeiden wir Fehler?“
Das emotionale Klima hat sich verschoben.
Die Forscher Sigal Barsade und Donald Gibson zeigten: Emotionen in Gruppen beeinflussen Kooperation, Konfliktverhalten und Leistungsfähigkeit. Emotionale Zustände übertragen sich und prägen, wie Teams denken und handeln.
Auch die bekannte Studie von Nicholas Christakis und James Fowler zeigte in sozialen Netzwerken: Emotionale Zustände können sich zwischen Menschen ausbreiten.
Besonders herausfordernd: Unser Gehirn reagiert häufig stärker auf negative als auf positive Signale — bekannt als Negativity Bias (u. a. Baumeister et al., „Bad is Stronger than Good“).
Eine angespannte Bemerkung kann länger nachwirken als fünf positive.
Was können Führungskräfte tun?
Nicht ignorieren. Nicht schönreden. Nicht „einfach weitermachen“.
Sondern: Benennen → Muster unterbrechen oder regulieren → Refocus
Beispiel für Refocus:
„ Was brauchen wir jetzt, um wieder lösungsorientiert zu arbeiten?“
„Was brauchen wir jetzt?“
„Was ist der nächste konstruktive Schritt?“in
Studien/Quellen:
Huberman, A. (2022). The science of emotions in negotiation. Fireside Podcast. Retrieved from https://www.youtube.com/watch?v=q8CHXefn7B4
Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.
Die Fußball-WM zeigt: Mentale Stärke ist der wahre Wettbewerbsvorteil
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