Digital Detox – Vom Online- in den Offline-Modus

Digital Detox - Vom Online- in den Offline-Modus

Autor

Antje Heimsoeth

Datum

30. Mrz 2020

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Warum Digital Detox das Gegengift zur Entgleisung ist

Als selbstständige Keynote Speakerin, Mental Coach und Trainerin gehört das Thema Social Media Marketing zu meinen täglichen Pflichten. Ich kann darauf nicht verzichten. Doch manches Mal frustriert es mich, zu sehen, wie viele Namenlose oder Nutzer mit Fake-Profilen sich in den sozialen Netzwerken, z.B. bei Twitter, tummeln. Es würde nicht nur zur Transparenz, sondern auch zum Einhalten einer gewissen Etikette beitragen, wenn sich jeder Nutzer mit Personalausweis akkreditieren müsste. Mancher Kommentar, der unter die Gürtellinie und über Schmerzgrenzen hinausgeht, würde dann sicher nicht gepostet und weiterverbreitet werden. Das harte Bewerten anderer Menschen hat heute Hochkonjunktur. Dabei täte uns allen von Zeit zu Zeit eine digitale Entgiftung gut. Das heißt: eine bewusst gewählte Phase handyfreier Zeit, ohne Kommunikation, ohne Feeds und Kommentare, ohne Stories und Posts. Digital Detox bedeutet temporäre Reinigung und Entschleunigung von der Last der Informationslust.

Digital Detox: Wenn das Social Media-Profil wichtiger ist als das Persönlichkeitsrecht des Anderen

Hand aufs Herz: Wie oft werden Sie auf einer Bahnreise oder abends auf dem Weg nach Hause in öffentlichen Verkehrsmitteln Zeuge von Telefonaten, wo Persönliches vom Partner, von Kindern, von Mitarbeitern, Chefs, Kunden oder Klienten sorglos in die Welt posaunt wird? Und wie oft fotografieren Sie mit dem Handy nicht nur eine Landschaft oder ein Bauwerk, sondern auch fremde Menschen, die Sie nicht um Erlaubnis fragen, ob sie damit einverstanden sind? Die Fotos werden gepostet, geteilt und gespeichert, ohne jede Rücksicht auf Datenschutz und Einverständnis des Anderen. Mit der digitalen Kommunikation und dem Smartphone als allzeitbereite Kamera sind die Persönlichkeitsrechte in den Hintergrund gerückt, im Vordergrund steht vielmehr der Instagram-taugliche Schnappschuss. Digital Detox dient auch dem Abschied von der Leichtfertigkeit, hin zur Achtsamkeit.

Digital Detox: Mehr Contenance, weniger Kommentare

Als Dieter Nuhr Ende 2019 Witze über die Klimaaktivistin Greta Thunberg machte, handelte er sich einen veritablen Shitstorm ein. Man muss seine Witze nicht gutheißen, aber sie blieben alle über der Gürtellinie und nahmen schlicht den Konflikt zwischen den Forderungen von Fridays for Future und dem realen Lebensalltag aufs Korn. Dennoch wurde auf Twitter sofort empört kommentiert, wie geschmacklos, gehässig und zynisch der Satiriker gewesen sei. Seine Kritiker zensierten fleißig im Zeichen des gesellschaftlichen Engagements. Nuhr stellte danach klar: Er könne keine Rücksicht nehmen „auf Menschen, die andere Meinungen nicht mehr ertragen, weil sie in ihrer Blase damit in der Regel nicht mehr konfrontiert werden“ (Quelle: focus.de). Und er warnte: „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer mehr radikalisiert und polarisiert. Wenn Menschen ihre Positionen zur reinen Wahrheit erklären, Begriffe wie ’nicht verhandelbar‘ verwenden und die Demokratie infrage stellen, wie es zum Beispiel bei Klimaaktivisten indessen häufiger zu hören ist, dann macht sich Fundamentalismus breit.“

Es gibt zahlreiche Beispiele für solche Shitstorms, ausgelöst von umstrittenen Meinungen, Verhaltensweisen oder Entscheidungen. Doch was gewinnen wir damit? Steht es uns zu, so radikal über jemanden zu richten? Was macht uns zu besseren Menschen als derjenige, den wir kritisieren? Wäre es nicht viel menschlicher, Contenance zu wahren und sich mit dem Standpunkt des anderen auf andere Weise auseinanderzusetzen? Digital Detox dient auch dem Verzicht auf Vorverurteilungen, hin zu mehr Verständnis.

Digital Detox: Mehr Vorbild sein statt Vorwürfe machen

Die Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Dazu zählt auch die Smartphonesucht. Die ständige Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken und Messengern wird lebensbestimmend, Gaming ist ein weiterer Suchtfaktor. Die Grenzen zur Abhängigkeit sind fließend, aber sie lässt sich am Beispiel des Gamings an bestimmten Faktoren festmachen. Führt der Konsum dazu, dass sich ein Großteil der Gedanken ums Spiel dreht, die Nervosität steigt, wenn nicht gespielt werden kann, man nicht mehr mit dem Spielen aufhören kann, es zunehmend der Emotionsregulierung dient und andere Hobbies auf der Strecke bleiben, dann deutet alles auf eine Sucht hin. Eltern sind hier nicht nur als Kontrollinstanz, sondern auch als gutes Vorbild gefordert. Je weniger Vater oder Mutter ein Handy oder Tablet in der Hand und ein Laptop vor der Nase haben, desto weniger suggerieren sie, dass digitale Medien ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens sind. Wer sich in bewussten Offline-Phasen übt und diese auch im Familienleben einfordert, kann aktiv dazu beitragen, dass der Nachwuchs selbst Abstand zu Smartphone & Co. gewinnt. Digital Detox dient auch einer förderlichen Vorbildfunktion, die zur Nachahmung anregt – und dem Familienleben neue Impulse schenkt.

Digital Detox:  Aus den Augen, aus dem Sinn

Wie lange ist es her, dass Sie beim Zugfahren einfach nur aus dem Fenster in die vorbeiziehende Landschaft geschaut haben statt zu chatten oder auf dem Laptop zu arbeiten? Wann haben Sie sich das letzte Mal länger mit einem Mitreisenden unterhalten, von Angesicht zu Angesicht statt von Nachricht zu Nachricht? Ich gewöhne mir gerade wieder an, solche digitalen Auszeiten in meine Reisezeit zu integrieren. Als ich neulich mit einem Trainerkollegen im Restaurant saß, hatten wir beide kein Handy dabei. Zu uns an den Tisch setzte sich ein Ehepaar aus der Schweiz, ebenfalls ohne Handy. Wir verbrachten gemeinsam zwei wunderbare Stunden, in denen wir uns über Politik, Reisen und Oldtimer-Rallyes unterhielten. Von solchen Begegnungen wünsche ich mir mehr. Und eines hilft mir dabei: Dass mein Smartphone nicht in Griff- und Sichtweite ist, sondern ausgeschaltet in meiner Tasche. Was nicht verfügbar ist, verlockt nicht und bietet keinen Anlass für Unterbrechungen, sondern jede Menge Raum zur Reflektion und Regeneration, zum Austausch und Aufeinander einlassen. Digital Detox heißt, sich auf den Moment im Hier & Jetzt, dort, wo ich physisch bin, einzulassen, sein reales Umfeld wahrzunehmen und es zu würdigen.

Digital Detox: Weg vom Voyeurismus, hin zum Respekt

Sei es beim schweren Verkehrsunfall oder bei einer hilflosen betrunkenen Person – noch immer ist es vielen Menschen näher, das Handy zu zücken und das Geschehen zu filmen oder zu fotografieren statt zu helfen. Als Gaffer behindern sie Polizei und Rettungswesen beim Verrichten ihrer Arbeit, posten die Bilder im Netz und scheuen auch nicht davor zurück, Leichen zu fotografieren. Wenn heute im Spitzensport, z.B. beim Skispringen, jemand stürzt, müssen sofort Sichtschutzplanen rund um den verletzten Athleten aufgebaut werden, damit nicht sofort die Online-Community seinem Unglück beiwohnen kann. In unserer digitalisierten Welt, in der das Social Media-Profil und aufregende Bilder wertvoller scheinen als der Respekt vor einem Menschenleben, ist der Griff zum Smartphone angesichts eines Unglücks offensichtlich unverzichtbar. Doch würden wir uns nicht für uns selbst einen anderen Umgang wünschen, wenn wir dort lägen, hilflos, verletzt oder sogar tot? Würden wir wollen, dass diese Bilder einfach ins digitale Universum geschickt werden, ohne Chance auf ein Zurück? Der Wunsch nach dem Bewahren von Würde ist keine Einbahnstraße, im Gegenteil. Er eint uns über Grenzen und Kulturen hinweg. Digital Detox heißt auch, sich des Impulses zu erwehren, die Sensation über die Sensibilität zu stellen – und einfach nur den Notruf zu tätigen statt auf den Auslöser zu drücken.

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Digital Detox: Pausen dienen nicht nur der körperlichen, sondern auch der mentalen Regeneration

Dienstliche E-Mails auch am Wochenende und im Urlaub zu checken, gehört für viele mittlerweile zur Routine. Häufig höre ich als Argumentation für dieses Verhalten die Begründung: „Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, habe ich sonst so viele E-Mails, dass es Tage dauert, bis ich sie abgearbeitet habe. Also checke ich lieber schon zwischendurch schonmal den Stand der Dinge.“ Darin verbirgt sich ein Widerspruch. Auf der einen Seite beschweren sich die Menschen über Überforderung, auf der anderen Seite wollen sie nicht völlig loslassen, um nach der Rückkehr nicht überfordert zu sein. Aha! Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer bezeichnet das Smartphone auch als „Schweizer Taschenmesser der Informationsgesellschaft“, weil es uns auf vielerlei Arten bietet, was wir suchen. Doch mit dieser Vielseitigkeit bietet es uns auch jede Menge Anlass, uns abzulenken und macht uns im wahrsten Sinne des Wortes das Abschalten schwer. Dabei braucht unser Gehirn zur Regeneration reizarme Zeiten. Zeiten, in denen wir uns gleichzeitig in Selbstkontrolle üben. Nicht jedem Impuls folgen, sondern die Hände und Augen ruhen lassen. Gedanken nachhängen, die Natur betrachten oder mit geschlossenen Augen die innere Einkehr suchen. Warum tun wir uns so schwer damit? Fürchten wir, nur Leere und Langeweile anzutreffen? Wir täten gut daran, diese willkommen zu heißen. Denn sie hilft uns, in uns hineinzuhorchen, uns neu auszurichten, das Vergangene Revue passieren zu lassen und die nächsten Schritte mental vorzubereiten. Das sichert uns auch über den Tag hinweg unsere Konzentrationsfähigkeit. Digital Detox heißt, sich wertvolle Pausen zu bescheren, die unsere Regeneration ermöglichen, auch mental.

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5 Tipps und Übungen fürs Digital Detox:

  • Protokollieren Sie Ihre Handynutzung: Installieren Sie eine App, die den Gebrauch mitschneidet, z.B. App Usage Tracker (gibt`s im Google Play Store) oder für i-Phones die Funktion Bildschirmzeit. Dann können Sie am Ende des Tages sehen, ob Ihre eigene Einschätzung mit der tatsächlichen Nutzungsdauer übereinstimmt – und sich für den nächsten Tag das Ziel setzen, die Zeit zu unterbieten.
    Ein Vater, Teilnehmer an einer Ausbildung an meiner Academy, fand gestern so raus, dass seine Tochter am Tag zuvor 8.11 Stunden im Netz verbracht hatte.
  • Grünes Licht für Grau: Richten Sie Ihre Nutzeroberfläche so ein, dass sie sich ab 19 Uhr auf eine graue Fläche umschaltet und damit keinen Anlass bietet, nachzuschauen, wie viele Nachrichten Sie auf welchem Kanal erhalten haben. Wenn Sie noch in sozialen Netzwerken unterwegs sein wollen, stellen Sie sich die Uhr und legen Sie eine limitierte Zeit dafür fest.
  • 30 Tage Social Media-Diät: Wagen Sie es und verzichten Sie einen Monat lang auf soziale Netzwerke. Damit stellen Sie das tägliche Post-Gewitter auf Stumm und finden Gelegenheit, Ihre eigene Stimme wiederzuentdecken – mit eigenen Gedanken, Lösungsansätzen, Rückschlüssen, Vorlieben und Eindrücken. Unbeeinflusst von dem „Like“ der anderen, gefiltert nur durch Ihre eigene Wahrnehmung. Eine reinigende Erfahrung.
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  • Die 1:1:1-Regel: Gehen Sie bereits eine Stunde, bevor Sie ins Bett gehen, offline. Gehen Sie einen Nachmittag in der Woche bewusst offline und eine komplette Woche im Jahr. Die Stunde vor dem Zubettgehen können Sie z.B. zum Meditieren oder Lesen nutzen. Wenn Sie merken, wie gut Ihnen das tut und wie entspannend das ist, motiviert Sie das, am nächsten Tag wieder eine Stunde vorher offline zu gehen. Ihren Offline-Nachmittag können Sie dafür nutzen, um einen ausgedehnten Spaziergang im Wald zu machen oder sich auf einen Kaffee mit einer Freundin zu treffen.
  • Telefonfreie Zonen: Es hilft, wenn Sie sich in der Familie oder mit Ihrem Partner auf Wohnbereiche einigen, wo der Gebrauch von Handys untersagt ist. Das sollten auf jeden Fall der Esstisch und das Schlafzimmer sein, evtl. die Küche, der Ort der Begegnung bei vielen Familien. Das erlaubt Ihnen, Gespräche mit Augenkontakt bei gemeinsamen Mahlzeiten zu führen und sich gegenseitig volle Aufmerksamkeit zu schenken. Sammeln Sie die Handys Ihrer minderjährigen Kinder spätestens um 20 Uhr ein, damit auch sie die Chance haben, zur Ruhe zu kommen. Das blaue Displaylicht reizt unser Gehirn und hält es im Wachmodus, doch den Absprung schaffen Heranwachsende nicht immer von allein.

Wofür auch immer Sie sich entscheiden, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie ein Bewusstsein für die Gefahren unserer schönen neuen digitalen Kommunikationswelt entwickeln, dass Ihnen hilft, mit einem guten Selbstmanagement den digitalen Verlockungen regelmäßig zu widerstehen. Damit Sie Social Media & Co. im Griff haben, und nicht umgekehrt.

© Ihre Antje Heimsoeth

 

 

 

1 Kommentar

  1. Ich erinnere mich sehr gerne an eine wunderbare Schiffsreise mit Frau Heimsoeth, auf der wir allabendlich am großen Tisch – natürlich ohne Handy – über Gott und die Welt diskutieren durfte, old school und Aug‘ in Aug‘ – unvergessen!

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