Mythos Motivation – was bewegt uns wirklich zum Handeln?

Motivation Antje Heimsoeth

Autor

Antje Heimsoeth

Datum

23. Nov 2015

Wenn wir nur richtig wollen, können wir alles schaffen, verkünden vollmundig selbsternannte Motivationsgurus und stimmen ihr Tschakka-Geheul an. Und machen uns damit glauben, uns mangele es lediglich an der nötigen Einstellung, wenn wir bestimmte Ziele nicht erreichen. Aber ist das nicht zu kurz gefasst? Reichen  täglich heruntergebetete Motivationssprüche wie „Alles ist möglich“ und „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ wirklich aus, um ans Ziel zu kommen? Und was bedeutet ein solches Credo im Umkehrschluss? Kein Wille, kein Weg, nie zum Ziel?

Der Motivation liegen Motive zugrunde

Kaum etwas ist persönlicher und damit einzigartiger als unsere tatsächliche Motivation. Das Wort Motivation stammt vom lateinischen Wort „motivum“ (= Beweggrund, Antrieb) ab. Unsere Motivation gründet auf dem, was uns bewegt. Sie ist also das, was uns zum Handeln antreibt und uns emotional berührt. Dieser sogenannten intrinsischen Motivation liegen emotionale Grundbedürfnisse zugrunde, die bestimmend für unser Leben sind. Der US-amerikanische Psychologe Dr. Steven Reiss hat dafür 16 verschiedene Lebensmotive ermittelt – die sogenannten Reiss Profile -, die unser Handeln beeinflussen. Dazu zählen z.B. Anerkennung, Macht, Unabhängigkeit, Familie, Status oder emotionale Ruhe. Je mehr unsere Ziele mit unseren Lebensmotiven übereinstimmen, desto motivierter sind wir für ihre Erreichung. Das Credo „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ rückt die reine Willenskraft in den Fokus. Sie basiert nicht auf unseren inneren Beweggründen, sondern vielmehr auf der Notwendigkeit, für die Zielerreichung z.B. auch über steinige Wegabschnitte zu gehen oder Hindernisse zu überwinden. Wer sich die Macht der Motivation zunutze machen will,  sollte also vor allem seine persönlichen Lebensmotive genau kennen und das Handeln damit in Einklang bringen.

Motive als innere Antreiber

Zu unseren Motiven gelangen wir nicht über verallgemeinernde Motivationssprüche. Es gilt, sich die Motive durch Selbstreflexion bewusst zu machen. Wer sich seiner eigenen Lebensmotive, seiner persönlichen Bedürfnisse und Wünsche bewusst wird, gewinnt Klarheit. Klarheit, um für sich Ziele zu definieren, Wege dorthin zu erkennen und um sich Schritt für Schritt diesen Zielen zu nähern. Das Wissen um die Lebensmotive steuert schließlich das zielgerichtete Handeln. Wie eng Motive mit Emotionen verknüpft sind, hat die moderne Hirnforschung längst bewiesen.

Als ich für mein neues Buch „Sportmentaltraining“ mit verschiedenen Spitzensportlern und Trainern sprach, wurde dies auch in den Aussagen deutlich.
Erleben wir, wie es sich anfühlt, wenn unsere Ziele und Aufgaben im Einklang sind mit unseren Motiven und Werten, so signalisiert unser Gehirn: Mehr davon. Die positiven Gefühle, die mit unserer intrinsischen Motivation verknüpft sind, erweitern dabei unser Gedanken- und Handlungsrepertoire (vgl. Chefsache Kopf, Kap. 7, S. 92).

Die richtige Dosis macht’s

Das Rezept für eine funktionierende Motivation ist so individuell wie die Ausprägung der Lebensmotive. Wer sich mit seinen Lebensmotiven befasst, findet seinen Mengenbedarf an Zutaten wie Anerkennung oder Neugier, Ehre oder emotionale Ruhe, Beziehungen oder Status selbst heraus. Wenn Sie ermittelt haben, wie stark Ihr Drang zu sparen oder zu kämpfen ist, wie wichtig körperliche Aktivität oder gutes Essen für Sie sind, dann entsteht daraus Ihr persönliches Mischungsverhältnis zur Motivation. Und daraus erklärt sich Ihr Handeln, das sich auf ein bestimmtes Ziel ausrichtet.

Die Motive und ihre Folgen

Wer sich auf die Suche nach seinem Erfolgsrezept begibt, braucht die Bereitschaft, mit sich selbst offen und ehrlich zu sein. Das Bewusstsein um die eigenen Lebensmotive verlangt womöglich nach einer Neuausrichtung. Hier helfen keine faulen Kompromisse und das Verharren in der Komfortzone, sondern nur die schonungslose Bestandsaufnahme des IST-Zustands und die strategische Ausrichtung des SOLL-Zustands. Hier meine ich die Unterscheidung vom Zustand, in dem ich jetzt bin und jenen, den ich anstrebe, wenn ich mich stärker an meinen ermittelten Motiven orientiere.  W er gesteht sich schon gern ein, auf dem Holzweg zu sein? Die Bestandsaufnahme umfasst nicht nur unsere inneren Motive, sondern auch das Wirken unseres Umfelds auf unsere Motive. Stimmen die Bedürfnisse anderer mit dem überein, wonach ich strebe? Existieren hier Konflikte?
Um in der Welt des Spitzensports zu bleiben: Will ich aus voller Überzeugung Golfprofi sein und beruflich bedingt ständig unterwegs sein oder sind mir Familie und Beziehungen wichtiger? Oder gelingt es mir, beides unter einen Hut zu bringen? Wie setze ich Prioritäten? Gut möglich, dass unsere Selbstreflexion neue Konflikte heraufbeschwört. Doch persönliche Weiterentwicklung entsteht nie aus dem Verharren, aus dem Festhalten an lange Gewohntem. Sondern sie wächst auf dem Boden der Bereitschaft für Veränderung, der Offenheit, des Muts. Alles andere ist Stillstand.

Ja, es braucht Willen zum Erreichen eines Ziels. Was wir halbherzig tun, weil es z.B. reine Pflichterfüllung oder gar gegen unsere innere Überzeugung gerichtet ist, das tun wir mit halber Kraft, wenig Willem und ohne Leidenschaft. Doch unseren Willen können wir nicht mit Motivationssprüchen steigern, sondern nur mit Selbsterkenntnis. Wer hier klar sieht, für den sind die „Tschakka“-Rufe lediglich Sand in den Augen.

Wer mehr zu Fragen der Motivation und Zielsetzung, zum Umfeldmanagement oder zum Umgang mit Emotionen und vielen weiteren Themen aus dem Mentaltraining erfahren möchte, die nicht nur der Leistungssteigerung, sondern der gesamten Lebenszufriedenheit dienen, dem empfehle ich mein neues Buch „Sportmentaltraining“, das gerade im Verlag pietsch erschienen ist (ISBN 978-3-613-50803-3, 208 Seiten, 24,90 Euro).

Ihre Antje Heimsoeth

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