Stress bei Fußballtrainern – wie man mit Stress umgeht

Stress bei Fussballtrainern - Antje Heimsoeth

Autor

Antje Heimsoeth

Datum

08. Okt 2015

Stress-Job Fußballtrainer: Wie man mit Stress umgeht

Die Fußball-Bundesliga hat wieder begonnen und schon können wir erleben, welchem Stress Trainer ausgesetzt sind: Lucien Favre erklärt nach einer Niederlagen-Serie seinen Rücktritt als Trainer von Borussia Mönchengladbach, Thomas Tuchel muss feststellen, dass Borussia Dortmund nach dem 1:1 gegen 1899 Hoffenheim Probleme hat, den Bayern auf den Fersen zu bleiben, während Hoffenheims Trainer Markus Gisdol in eben jenem Spiel vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt wurde, weil er die Contenance verlor. Als Trainer sind mentale und emotionale Stärke mindestens ebenso wichtig wie Strategie und Taktik. Der Job eines Bundesligatrainers ist geprägt von Erwartungs- und Leistungsdruck im Milliardengeschäft Fußball: von Seiten des Vereins, von den Fans, von den Spielern und nicht zuletzt von sich selbst. Eine gemeinsame Studie der Ruhr-Universität Bochum und der Medizinischen Hochschule Hannover hat gezeigt, dass die psychische Belastung eines Trainers kurz vor der Halbzeit am stärksten ist, übrigens völlig unabhängig vom Spielstand. Dann ist das Stresshormon Kortisol um mehr als das Doppelte erhöht. Warum? Weil der Trainer zu diesem Zeitpunkt weiß, dass die nahende Spielpause seine letzte Chance ist, noch Einfluss auf das Spiel zu nehmen.

Und die Leistung ist stets im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu erbringen. Bei vielen Trainern ist deshalb der erste Gedanke beim Aufwachen: Was schreibt die Presse heute über mich und das Spiel gestern Abend? Damit einher geht die Unberechenbarkeit des Jobs: Wie lange steht der Vorstand hinter dem Trainer, wie viele Niederlagen werden toleriert und ab wann droht der Rausschmiss? Wer im knallharten Kicker-Geschäft über kein gutes Selbstmanagement verfügt, dem droht das Abseits.

4 Bausteine zur mentalen Stärke – Stress bei Fußballtrainern

Baustein Nr. 1: Pausen statt Power non-stop

Man müsse sich frei machen, hat Ottmar Hitzfeld einst gesagt. Wer das nicht könne, der verliere zu viel Kraft und Substanz. Das führe zu Fehlern und schließlich zu Misserfolg (vgl. Zeit Nr. 113/2011). Die Distanzierungsfähigkeit zum Job ist essentiell für einen Fußballtrainer. Bei sechs bis sieben Arbeitstagen pro Woche bleibt kaum Zeit für erholsame Pausen. Umso wichtiger ist es deshalb, im Alltag regelmäßig aus dem Hamsterrad auszusteigen. Zu einem guten Selbstmanagement gehört Disziplin, auch im Hinblick auf Auszeiten. Auch wenn wir glauben, 24 Stunden erreichbar sein zu müssen, hilft es enorm, das Handy mal für einen Zeitraum X, vor allem nachts, auszuschalten – und diese Zeit für sich selbst zu nutzen. Ein Spaziergang in der Natur bietet Raum zur Reflektion, hilft, Abstand zu gewinnen und tut der Gesundheit gut. Wer das kultiviert, ist in Stresssituationen belastbarer.

Baustein Nr. 2: Abstand schaffen

Die Distanz gilt es auch innerlich aufzubauen, um die Kritik auszuhalten, der ein Fußballtrainer ständig von vielen Seiten ausgesetzt ist. Trainer Friedhelm Funkel hat nach eigenem Bekunden einen Schutzwall aufgebaut: „Ich habe gelernt, das nicht so nah an mich herankommen zu lassen.“ Zu seinem Selbstmanagement gehört das konsequente Beherzigen von Pausen. In einer Länderspielpause fliege er mal für ein paar Tage nach Mallorca oder gehe in Zeiten höchster Anspannung ins Kino, sagt Funkel. „Ich suche mir Nischen.“ (Die Welt, 25.9.11). Solche Nischen sind enorm wichtig, um dem Stress standzuhalten. Regeneration, also Erholung von vorangegangenen Belastungen und Erholung als aktiver Prozess, bei dem man sich ausruht, um wieder zu Kräften zu kommen sowie Entspannung geben neue Energie für mehr Leistung und wirken sich positiv auf die Psyche aus. Andernfalls droht das Aus. Pep Guardiolas Arbeitspensum hat ihm bereits ein Burn-out beschert, bevor er beim FC Bayern München anfing. Mit 312 Arbeitstagen im Jahr, 279 Trainingseinheiten und 70 Spielen ist die Belastung extrem.

Baustein Nr. 3: Abschalten!

Nicht immer gelingt es, sich bei Ruhebedarf physisch vom Ort des Geschehens zurückzuziehen, aber geistig können wir uns jederzeit auf Reisen begeben. Ich empfehle den Top-Performern der Bundesliga deshalb eine Ergänzung zur Grundausstattung ihrer Trainermappe: das Ruhebild.

  • Jeder hat Erinnerungen an einen schönen Ort, an dem er sich wohl fühlt(e): das kann zum Beispiel ein Strand sein, eine Bank an einem See oder auf einem Berg …
  • Wer sich seinen Ruhe-Ort vorm geistigen Auge vorstellt, entspannt. Die Visualisierung fördert das Wohlgefühl und beruhigt die Nerven.
  • Ein Farbausdruck dieses Bildes sollte Teil der Trainermappe sein. Ein Blick darauf in herausfordernden Situationen hilft, das Bild auch innerlich abzurufen und sich mental dorthin zu versetzen.

Beim Abrufen des Ruhebildes tief in den Bauch atmen und ein Schlüsselwort sagen (z.B. „Ruhe“ o.ä.).Schon ein paar Minuten reichen, den gerade empfundenen Stress spürbar zu reduzieren.

Baustein Nr. 4: Unterstützer suchen

Niemand wird erfolgreich ohne ein entsprechendes Unterstützer-Umfeld (Netzwerk). Ein Trainer braucht die berufliche Unterstützung von Co-Trainern, Physiotherapeuten, Ärzten, dem Vereinsvorstand etc. ebenso wie die private Unterstützung von Lebenspartnern, Freunden, Familie etc. Wer hier ständig gegen Widerstände agieren muss, verbraucht wertvolle Energie, die an anderer Stelle dringend benötigt wird.

Als Führungspersönlichkeit ist es zudem wichtig für einen Trainer, sich im Gespräch mit verschiedensten Sparrings-Partnern zu reflektieren, Impulse zu holen oder sich wieder zu „erden“. Für den ehemaligen Hockeynationaltrainer Bernhard Peters bot z.B. der gemeinsame Rückzug mit einem Trainerkollegen zu Gesprächen jenseits des Hockeys während der anstrengenden Phasen großer Turniere die Möglichkeit, sich auszubalancieren und herunterzukommen, wie er in seinem Buch „Führungsspiel“ beschreibt (vgl. Peters et al., 2012, „Führungsspiel“, S. 214).

Für den stressbelasteten Job eines Bundesliga-Trainers kommt dem privaten Umfeld eine große Bedeutung zu. Es bildet den Gegenpol zum Job, ist Kraftquelle und relativiert gleichzeitig die „Dramen des Sports“. Umso wichtiger ist es, dass hier Frieden und Stabilität herrschen. Gerät hier etwas in Schieflage, beeinflusst das auch die sportliche Zielerreichung. Bernhard Peters sagt: „Meine emotionale Ausstrahlungskraft, meine Überzeugungskraft als Trainer und Führungsfigur hängt ganz entscheidend von der emotionalen Lage zu Hause ab. Meine Spieler haben mir das immer wieder bestätigt.“ (Peters et al., 2012, „Führungsspiel“, S. 209).

Stress bei Fußballtrainern - Sportmentaltraining - Antje HeimsoethFehlt uns ein unterstützendes Umfeld, kann uns das schwächen, zurückhalten, abhalten oder gar stoppen. In dem Job eines Trainers gibt es einen hohen Anteil von Unberechenbarkeit – umso wichtiger ist es, sich auf seine Unterstützer verlassen zu können. Dem Umfeldmanagement kommt im Spitzensport in den letzten Jahren eine wachsende Bedeutung zu. Wer Stress reduzieren will, dem sei geraten: Schaffe dir ein positives Umfeld!
Die Maßnahmen für ein gutes Selbstmanagement sind so zahlreich und verschieden, wie die Trainerpersönlichkeiten selbst. Doch Fakt ist: Nur wer über ausreichende mentale und emotionale Stärke verfügt, wird in diesem Job dauerhaft bestehen. In meinem Buch „Sportmentaltraining“, das Ende Oktober im pietsch Verlag erscheint, widme ich erfolgreichen Trainern und ihren Selbstführungs- und Führungsstrategien ein komplettes Kapitel. Hier kommen Trainer unterschiedlichster Disziplinen zu Wort – denn das vielfältige Anforderungsprofil gilt nicht allein für König Fußball.

Zum Thema Stress bei Fußballtrainern hier auch mein Interview im „Blickpunkt Sport“: https://antje-heimsoeth.com/fussball-stress-und-druck-bei-fussballtrainern/ 

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Eine passende Ausbildung zum Thema finden Sie hier: http://www.business-mentaltrainer.eu/Sport_Mental-Coach.html

Ihre Antje Heimsoeth

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